Laugavegur – Weg der heißen Quellen (2012)

Verfasst: Ende 2012

Trekkingtour von Landmannalaugar nach Þórsmörk

Island, August / September 2012

Nach drei Jahren Island-Abstinenz war es wieder einmal soweit. Leider stand uns nur eine Woche Zeit zur Verfügung, aber für den Laugavegur, den bekanntesten Wanderweg Islands, sollte das eigentlich reichen. Sofern das Wetter mitspielte, und das isländische Wetter kann bekanntlich ein guter Spielverderber sein.

Um es vorwegzunehmen: das Wetter hat sich mit uns arrangiert. Es hätte besser sein können, gerade die bunten Liparitberge von Landmannalaugar hätten ein wenig Sonne gut vertragen. Aber wir sind nicht wirklich nass geworden, und das ist viel wert, wenn man mit dem Zelt unterwegs ist. Für letzteres hatten wir uns entschieden, um unabhängig von freien Hüttenplätzen zu sein und den immer präsenten Schnarchern aus dem Weg gehen zu können.

Mit dem Zelt und eigener Verpflegung unterwegs zu sein, heißt dann natürlich, dass der Rucksack etwas schwerer ausfällt. Immerhin haben wir es diesmal geschafft, unter zwanzig Kilo zu bleiben (ohne Fotoausrüstung). Vor drei Jahren in Hornstrandir (Auf den Spuren des Polarfuchses) waren es noch gut fünf Kilo mehr.

Für die Strecke von Landmannalaugar nach Þórsmörk haben wir die üblichen vier Tage gebraucht. Da wir immer relativ früh an unserem Tagesziel waren, hatten wir noch genügend Zeit, uns die nähere Umgebung anzuschauen. Ursprünglich hatten wir geplant, den zweitägigen Trek über den Fimmvörðuháls bis hinunter an die Südküste anzuschließen, aber soweit ging die Kooperationsbereitschaft des Wetters dann doch nicht mehr. So bleibt dieser durch den Ausbruch des Eyjafjallajökull in 2010 geprägte Weg vorerst auf unserer Wunschliste.

Mit von der Partie waren Ludwig (er war auch vor drei Jahren mit in Hornstrandir), Detlev und Wolfhard, alles Wander- und Kletterfreunde aus früheren Tagen.


München – Reykjavík

Samstag, 25.August 2012

Flug München – Düsseldorf: ca. 500 km, Flug Düsseldorf – Keflavík: 2293 km, Busfahrt Keflavík – Reykjavík: 55 km, Stadtrundgang Reykjavík: 16,4 km

Unsere Reise beginnt frühmorgens in München und führt uns via Düsseldorf zum Internationalen Flughafen Keflavík. Schon weit vor Island liegt der Nordatlantik unter einer dichten Wolkendecke verborgen. Beim Anflug auf Keflavík können wir nur selten einen flüchtigen Blick auf die Halbinsel Reykjanes erhaschen.

Als wir den Flughafen verlassen, regnet es in Strömen. Auf der etwa einstündigen Fahrt mit dem Shuttle-Bus nach Reykjavík lässt der Regen langsam nach. Als wir die Campsite in der Sundlaugavegur erreichen, hat es aufgehört zu regnen, und wir können entspannt unsere Zelte aufbauen.

Danach brechen wir zu einer kleinen Wanderung ins Zentrum von Reykjavík auf. Zuerst besuchen wir die eindrucksvolle Hallgrímskirkja. Wie alle Kirchen auf Island, sei es die “Schiffskirche” von Stykkishólmur, die Kirche von Akureyri oder eine der zahllosen kleinen Kirchlein, die sich in einsamer Landschaft unter einen wolkenschweren Himmel ducken, hat auch die Hallgrímskirkja eine kühne Architektur und ein Innenleben von schlichter Schönheit und Eleganz. Von der Turmspitze der Hallgrímskirkja, die man per Fahrstuhl erreicht, hat man einen grandiosen Blick über Reykjavík und den Faxaflói. Schwere Wolken hängen über dem Land, lediglich in Richtung Norden sind zaghafte Lücken erkennbar.

Auf dem Laugavegur, der wohl schönsten Flaniermeile Reykjavíks, lernen wir eine typisch isländische Kuriosität kennen: das Reykjavík Bacon Festival. Es ist vermutlich einer der vielen Versuche der Isländer, die langsam nahende dunkle Zeit des Herbstes und Winters noch ein wenig hinauszuschieben. Da muss selbst so etwas Profanes wie gebratener Schinken als Grund für ein Festival herhalten.

Im Hafen besuchen wir die Harpa, das neue Konzerthaus und Kongresszentrum Reykjavíks. Der von dänischen und isländischen Architekten und Künstlern entworfene kühne Glasbau wurde ein Jahr zuvor eingeweiht. Die Fassade besteht aus Tausenden von unregelmäßigen Polygonen farbigen Glases, die je nach Tageslichteinfall unterschiedliche Lichtstimmungen erzeugen. Für den Künstler Olafur Eliasson, der die Fassade entwarf, war es sicher ein Feuerwerk der Ideen, für den Fassadenbauer hingegen wohl eher ein Albtraum.

Auf dem Sculpture & Shore Walk geht es, vorbei an der an ein Wikingerschiff erinnernden Skulptur Sólfar (dt. Sonnenfahrt), zurück zu unserer Campsite. Der Faxaflói ist jetzt am Abend fast wolkenfrei, über den Fjord hinweg können wir in 120 Kilometern Entfernung deutlich den Vulkan Snæfellsjökull auf der Halbinsel Snæfellsnes erkennen.


Reykjavík – Landmannalaugar

Sonntag, 26.August 2012

Busfahrt Reykjavík – Landmannalaugar: 225 km, Wanderung Landmannalaugar: 6,2 km / 03h:02m

Wir müssen früh aus den Federn, damit wir den Acht-Uhr-Bus nach Landmannalaugar bekommen, den einzigen an diesem Tag. Jetzt am Morgen zieren nur ein paar kleinere Wolken einen blankgeputzten Himmel. Kein Vergleich mit dem schweren Gewölk vom Vorabend. Es ist empfindlich kühl, aber das freundliche Morgenwetter lässt hoffen.

Im BSÍ-Terminal von Reykjavík herrscht schon reges Treiben. Von hier aus starten Busse in alle Richtungen des Landes. Die ins Hochland führenden Strecken werden aber spätestens Mitte September eingestellt. Die hochbeinigen Hochlandbusse mit ihren gewaltigen Reifen sind unschwer zu erkennen. Auch unser Bus steht schon bereit.

Wir verlassen Reykjavík auf der Ringstraße Nr.1 in Richtung Südosten. Zu beiden Seiten der Straße befinden sich zahlreiche heiße Quellen, es dampft und brodelt allerorten. Rohrleitungen zeigen an, dass die Erdwärme intensiv genutzt wird. In Hveragerði werden riesige Gewächshäuser geothermal betrieben. Hier werden Gemüse und Früchte, darunter sogar Bananen, angebaut. Island versucht auf diese Weise ein Stückweit autark zu werden.

In Rangárþing ytra gibt es einen kurzen Zwischenstopp, bevor der Bus ein paar Kilometer auf der Ringstraße zurückfährt, bis zum Abzweig der Straße Nr. 26 in Richtung Hochland. Zu beiden Seiten der Straße sind die für Island typischen weißen Plastikrollen zu sehen, die das Heu des Sommers in sich bergen.

Linkerhand taucht die eindrucksvolle Berggestalt des Búrfell (dt. Speisekammerberg) auf, eines fast 700 m hohen Tafelvulkans. Die mächtige Hekla (dt. Haube) zur Rechten macht ihrem Namen alle Ehre: der Gipfel des aktiven Vulkans steckt in einer dichten Wolkenhaube.

Irgendwann geht die asphaltierte Straße, die Landvegur, in eine unbefestigte Piste über, die berühmte Hochlandpiste Sprengisandsleið oder Sprengisandur. Je weiter wir ins Hochland vordringen, desto düsterer wird das Wetter, und irgendwann setzt leichter Regen ein.

Weiter geht es, vorbei an dem Hochlandposten Hrauneyjar und zwischen den beiden Seen Hrauneyjalón und Krókslón hindurch in Richtung Süden. Mitten im Nirgendwo stoppt unser Bus für eine kurze Rast. Es bietet sich ein beeindruckender Rundblick bis hinüber zu den Gletschern Hofsjökull und Langjökull. Schwere Wolken hängen über dem Land, es weht ein eisiger Wind. Ein paar verdorrte Grasnelken klammern sich an den nahezu vegetationslosen, von Lavaschutt bedeckten Boden.

Gegen Mittag erreichen wir, nachdem unser Bus zwei kleinere Flüsse gefurtet hat, Landmannalaugar. Dort wartet schon Karl auf uns. KarlUrsula und Gabi, Freunde aus Markt Schwaben sind seit drei Wochen mit einem Geländewagen auf Island unterwegs. Zufällig ergab es sich, dass wir uns in Landmannalaugar treffen könnten.

Ursula steht schon in der Küche der Hütte des isländischen Wandervereins und kocht ein Empfangsmahl für uns. Wir bauen unsere Zelte auf und begeben uns dann zu Tisch. Bei einem guten Essen gibt es natürlich viel zu erzählen. Danach hält Karl sogar noch eine Überraschung für uns bereit: die drei haben etwas Rotwein aus ihren Vorräten aufgespart. Da sie selbst sehr gern einen guten Wein genießen, wissen wir dieses Opfer wohl zu schätzen.

Am Nachmittag gehen wir gemeinsam auf Erkundungstour. Wir steigen hinauf zum Gipfel des 940 m hohen Bláhnúkur (dt. Blaukuppe). Der düstere Berg hebt sich deutlich von den goldenen Farben der Umgebung ab. Von oben bietet sich ein fantastischer Rundblick über das gesamte Gebiet von Landmannalaugar. Westlich von uns dominieren Brennisteinsalda (dt. Rauchende Schwefelkuppe) und Laugahraun (dt. Lavafeld) die Landschaft. Der Rückweg zur Hütte führt uns durch die Schlucht Grænagil.

Nach dem Abendessen gönnen wir uns noch ein besonderes Vergnügen, dem der Ort auch seinen Namen verdankt. Landmannalaugar (dt. Die warmen Quellen der Leute vom Land) wurde schon von den Menschen aus dem Bezirk Landsveit als natürliches Bad genutzt. Auch wir tauchen ein in die warmen Quellen, während die Luft draußen empfindlich kalt ist. Von keiner Badewanne der Welt aus hat man einen so grandiosen Ausblick. Der Wind hat sich inzwischen gelegt, durch die Löcher in der Wolkendecke lassen sich sogar einzelne Stellen blauen Himmels ausmachen.


Landmannalaugar – Hrafntinnusker

Montag, 27.August 2012

Landmannalaugar – Hrafntinnusker: 10,7 km / 4h:11m, 644 m ü.NN -> 1070 m ü.NN -> 1015 m ü.NN; Söðull: 1,9 km / 1h:09m, 1015 m ü.NN -> 1150 m ü.NN

Am Morgen herrscht nasskaltes Wetter. Aus tiefhängenden Wolken fällt leichter Sprühregen. Wir frühstücken draußen im Schutz der um die Bänke und Tische neben den Sanitäranlagen errichteten Holzwände. Wir streifen Regenhüllen über die Rucksäcke, verabschieden uns von den Freunden und begeben uns auf die erste Tagestappe.

Der Weg führt durch das Lavafeld Laugahraun und an den Solfatarenfeldern der Brennisteinsalda vorbei. Im Jahre 2004, während unserer ersten Islandreise, sind wir schon einmal in Landmannalaugar gewesen. Damals waren wir auf die Brennisteinsalda gestiegen. Oben angekommen, hatte es uns fast vom Berg geweht, ein solcher Sturm herrschte an jenem Tag. Heute können wir wegen des neblig-trüben Wetters die Farbenpracht der Liparitberge von Landmannalaugar nur erahnen. Ein wenig Sonne wäre schön, würde die Farben zum Leuchten bringen und unsere Stimmung aufhellen, aber dieser Wunsch bleibt uns verwehrt.

Der Laugavegur schraubt sich am ersten Tag bis auf über eintausend Meter hinauf. Oft müssen wir Altschneefelder queren, was aber unproblematisch ist. Schon von weitem kündigt sich Stórihver (dt. Große heiße Quelle) durch lautes Fauchen und Zischen an. Schwaden heißen Wasserdampfs, mit Schwefelgeruch angereichert, ziehen über die Hügel. Dann queren wir eine riesige Ebene schwarzen Lavaschutts, übersät mit schwarz glänzenden Obsidianbrocken. Inmitten dieser surreal anmutenden Landschaft findet sich ein Gedenkstein für einen jungen Israeli, der hier im Juni (!) 2004 in einem Schneesturm die Orientierung verlor und erfror. Und das nur gut einen Kilometer von der rettenden Hütte Hrafntinnusker entfernt. Man sieht sie schon liegen, wenn man die Passhöhe (1100 m) erreicht.

Hrafntinnusker selbst ist kein besonders anheimelnder Ort. Auf etwa eintausend Meter über dem Meeresspiegel gelegen ist das nahezu vegetationslose Terrain den elementaren Gewalten schutzlos ausgeliefert. Die Zeltplätze auf dem schwarzen Lavasand sind von halbmannshohen Mauern aus losen Steinen eingerahmt, als Schutz vor dem ständigen Wind. Wir errichten unsere Zelte, legen die mitgebrachte Plane als Windschutz über die Steinmauer und wandern dann hinauf zum Söðull (dt. Damensattel, 1132 m). Das Wetter klart auf, es kommt sogar die Sonne hervor, auch wenn der Wind eisig bleibt. Es bietet sich ein atemberaubender Blick über die Hochebene, die wir vor wenigen Stunden überquert und wegen der tiefhängenden Wolken kaum wahrgenommen haben. Sogar der Steinhügel mit dem Gedenkstein ist zu erkennen, um den sich gerade ein paar Leute scharen.

Auf dem Rückweg zu unseren Zelten treffen wir eine Gruppe Wanderer mit leichtem Gepäck, sie werden uns in den folgenden Tagen noch des öfteren begegnen. An den Hütten werden sie von ihrer Begleitmannschaft mit bereits errichteten Zelten und einem warmen Getränk empfangen. Trekking light.

Am Abend nimmt der Wind zu, es wird empfindlich kalt. In unseren Schlafsäcken ist es zum Glück angenehm warm.


Hraftinnusker – Álftavatn

Dienstag, 28.August 2012

Hrafntinnusker – Álftavatn: 11,7 km / 4h:46m, 1084 m ü.NN -> 537 m ü.NN; Bratþáls: 4,2 km / 1h:57m, 540 m ü.NN -> 762 m ü.NN -> 540 m ü.NN

Es hat die ganze Nacht hindurch gestürmt, ab und zu prasselten Schnee- und Graupelschauer auf die dünne Zeltwand. Es kostet Überwindung, am Morgen den warmen Schlafsack zu verlassen. An der Wasserentnahmestelle für die Campsite ist die Leitung eingefroren. In der Hütte läuft das Wasser noch, aber da ist entsprechend viel Andrang. Wir entschließen uns, auf die morgendliche Hygiene zu verzichten, nehmen nur ein Notfrühstück zu uns und bauen unsere Zelte ab. Das ist bei dem eisigen Wind gar nicht so einfach. Mit Handschuhen hat man nicht das nötige Feingefühl, und ohne sie nach kurzer Zeit auch nicht mehr.

Irgendwie schaffen wir es, auf den Weg zu kommen. Eilig verlassen wir Hrafntinnusker, um dem windigen Ort zu entkommen, unser Blut in Wallung und die Körpertemperatur wieder nach oben zu bringen. Zum Glück regnet es nicht. Bei den eisigen Temperaturen sollte man eigentlich eine gute Sicht erwarten, aber der Wind trägt offenbar so viel Feuchtigkeit und Staub mit sich, dass es sehr dunstig ist.

Der Weg führt, insgesamt leicht ansteigend, abwechselnd über bunte Rhyolithügel und durch schwarze Lavatäler. Linkerhand lassen wir die Berge des Reykjafjöll und des vergletscherten Kaldaklofsfjöll liegen. Immer wieder müssen Altschneefelder gequert werden. Der kräftige Wind wächst sich zeitweise zum Sturm aus, gegen den wir uns mit aller Kraft stemmen müssen, um nicht umgeweht zu werden.

Irgendwann am späten Vormittag kommen uns ein paar Radler entgegen. Wegen des steilen Anstiegs und des starken Windes schieben sie ihr Gefährt. So ganz verstehen kann ich ihre Motivation nicht. Mindestens die Hälfte des Weges werden sie wohl schieben müssen, selbst bei besten Bedingungen. Aber sie denken wahrscheinlich ähnliches: wieso laufen diese verrückten Wanderer denn, wo man doch fast die Hälfte des Weges fahren kann?

Gegen Mittag erreichen wir die Plateaukante der Jökultungur. Vor uns liegt ein steiler Abstieg. Schon wenige Höhenmeter weiter unten wird es plötzlich fast windstill, zaghaft wagt sich die Sonne hervor. Wir nutzen die Gelegenheit zu einer Mittagspause. Die Landschaft wechselt nun auf dramatische Weise. Gut 500 Höhenmeter unter uns liegt ein grünes Tal, in der dunstigen Luft kann man zwischen schwarz-grünen Palagonit-Kegeln ganz schwach die Umrisse des Álftavatn (dt. Schwanensee) erkennen.

Den Abstieg über die Randstufe bringen wir schnell hinter uns. Die Furt des Grashagakvísl ist problemlos, dann geht es in fast ebenem Gelände bis zum Álftavatn. Je näher wir dem See kommen, desto mehr frischt der Wind wieder auf. Blauer, fast wolkenloser Himmel und kräftiger Wind, eine ungewöhnliche Kombination. Wir bauen unsere Zelte auf und bereiten uns dann im Schutz einer einfachen Kochstelle unser Abendbrot.

Unweit von uns baut ein einsamer Wanderer sein Einmannzelt auf. Wir kommen mit ihm ins Gespräch. Er sei Amerikaner, aus New York. Der beeindruckendste Moment an Island sei für ihn gewesen, als er habe ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Keiner habe ihn nach der Übernahme der Kosten gefragt. In den USA könne er mit einem Messer im Kopf in eine Klinik kommen, die erste Frage sei die nach seiner Krankenversicherung. So unterschiedlich kann ein Land wahrgenommen werden. Uns würden, zu den unauslöschlichen Eindrücken auf Island befragt, ganz andere Dinge einfallen.

Wir brechen noch einmal auf, wollen den Hausberg des Álftavatn, den Bratþáls besteigen. Nach einem kurzen, steilen Anstieg in einen schwach ausgeprägten Sattel zieht ein langer und breiter Rücken hinauf zum Hauptgipfel (751 m). Von oben bietet sich ein grandioser Blick auf den Álftavatn und dessen kleinen Nachbarn, den Torfavatn, auf die umliegenden Palagonit-Berge und den Mýrdalsjökull. Noch immer weht ein kräftiger Wind, er wird erst am späten Abend etwas nachlassen.

Beim Abstieg über den Bergrücken trete ich aus Unachtsamkeit auf einen Stein, der unter meinem Fuß wegrollt. Beim Stürzen prelle ich mir den Daumen der rechten Hand, er wird mir in der folgenden Nacht heftige Schmerzen bereiten.


Álftavatn – Emstrur

Mittwoch, 29.August 2012

Álftavatn – Emstrur: 16,4 km / 5h:44m, 507 m ü.NN -> 609 m ü.NN -> 456 m ü.NN

Ein herrlicher Morgen. Der stürmische Wind ist irgendwann in der Nacht eingeschlafen, jetzt regt sich kein Lüftchen. Momentan ist es zwar noch kühl, aber der Tag verspricht, perfekt zu werden.

Frühstücken, Zelte abbauen, Rucksäcke packen, alles ist inzwischen zur Routine geworden. Wenn man draußen unterwegs ist, braucht man den ganzen Zivilisationsmüll nicht, das Leben reduziert sich aufs Wesentliche: Unterwegssein, Essen, Schlafen. Und der Lohn dafür ist ein intensives Naturerleben.

Gegen neun Uhr sind wir startklar. An der Hütte werden gerade die Autos der Light-Trekker beladen. Wir tragen alles, was wir brauchen, auf dem Rücken. Unweit der Hütte überqueren wir den Abfluss des Álftavatn, wenig später den Gletscherfluss Braþhálskvísl. Nach einer guten Stunde liegt vor uns das grüne Tal von Hvanngil.

Ein schmaler Trampelpfad führt an einem Fladenlavafeld vorbei. Eine Fußgängerbrücke geht über den nicht mehr so zahmen Gletscherfluss Kaldaklofskvísl. An dieser Stelle kreuzt auch die Hochlandpiste F210 den Fluss. Ein Schild warnt Autofahrer vor den Gefahren des Furtens. Diese Schilder sind mir von unserer Fahrt durchs Hochland im Jahr 2004 nur allzu gut in Erinnerung.

Kurz danach furten wir den mehr als knietiefen Bláfjallakvísl und erreichen die schwarze Sandwüste Emstrur. Sie zu durchqueren kann bei plötzlich aufkommendem Wind ein ernsthaftes Problem darstellen, das aber ist heute nicht zu befürchten. Dafür geraten wir in der riesigen Ebene schwarzen Sandes ordentlich ins Schwitzen. Am Weg liegen die eindrucksvollen Palagonit-Berge Stórkonufell (dt. Berg der großen Frau), Smáfjöll (dt. Kleine Berge) und Hattfell (dt. Hutberg).

Nach knapp sechs Stunden erreichen wir die Hütten von Emstrur. Die Campsite liegt idyllisch direkt an einem Bach, aus dem wir auch Trinkwasser schöpfen können. Wir bauen unsere Zelte auf, bereiten uns einen Kaffee und genießen das immer noch angenehm warme Wetter. Von Süden leuchten die Gletscher des Mýrdalsjökull herüber.

Plötzlich zieht eine dunkle Wolke über uns hinweg und entlässt ein paar Graupelschauer, aber kurz danach scheint wieder die Sonne. Am Abend bekommen wir noch Besuch vom Koch der Gruppe der Light-Trekker. Er bietet uns aus einem riesigen Topf Reste der Gulaschsuppe an, die vom Abendessen übriggeblieben ist. Wir nehmen dankend an. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zaubern einen rötlichen Schein auf die Schneefelder des Mýrdalsjökull.


Emstrur – Þórsmörk

Donnerstag, 30.August 2012

Emstrur – Þórsmörk: 21,6 km / 8h:34m (inkl. Abstecher), 464 m ü.NN -> 229 m ü.NN

Die Nacht muss wieder kalt gewesen sein, am Morgen sind die Zelte mit Raureif überzogen. Nach dem Frühstück führt der erste Weg hinüber zur Markarfljótsgljúfur (dt. Schlucht des Waldflusses), die vermutlich als Folge eines Gletscherlaufs entstand. Vom Rand des eindrucksvollen Canyons bis zu seinem Grund sind es etwa 180 Höhenmeter. Eingerahmt wird er von den Gletscherzungen der Eiskappen MýrdalsjökullEyjafjallajökull und Tindfjallajökull.

Von Emstrur aus starten wir zur letzten Etappe des Laugavegur. Es ist trocken und mäßig warm, ab und zu lässt sich die Sonne blicken. Angenehmes Wetter zum Wandern. Nach kurzer Zeit erreichen wir die enge Klamm des reißenden Gletscherflusses Fremri-Emstruá, eine schmale Holzbrücke führt uns auf die andere Seite. Wir durchqueren den Landstrich Sandar. Westlich unseres Weges taucht die markante Berggestalt Einhyrningur (dt. Einhorn) auf, die uns eine ganze Weile begleiten wird.

Gegen Mittag erreichen wir einen Platz, der nicht nur wegen seiner schönen Lage zum Rasten einlädt: hier wachsen Unmengen wohlschmeckender Blaubeeren. Dieses wohlfeile Angebot der Natur können wir keinesfalls ausschlagen.

Der Weg führt weiter über karge, braune Lavaböden, die ab und an von schwarzem Sand bedeckt sind. Die einzige markante Vegetation besteht aus Grasnelken und Strandroggen. Ein Pärchen Þúfutittlingur (dt. Wiesenpieper) ist so gut getarnt, dass es zwischen Sand und Steinen kaum auszumachen ist. Von Zeit zu Zeit bieten sich Ausblicke in die flacher werdende Schlucht des Markarfljót. Der Weg führt nun geradewegs auf den Gletscher Eyjafjallajökull zu, der im Jahr 2010 den Flugverkehr in Europa wochenlang stark beeinträchtigt hatte.

Vor uns liegt nun noch die Furt des Gletscherflusses Þröngá, die Schlüsselstelle des Laugavegur. Diese stellt sich aber unter den momentan herrschenden Bedingungen als völlig problemlos heraus. Die Þröngá bildet zwar ein breit gefächertes System von einzelnen Flussarmen dar, von denen aber keiner mehr als knietief ist.

Nach der Furt lässt das Birkenwäldchen von Hamraskógar die Nähe von Þórsmörk schon ahnen. An einer Weggabelung entscheiden wir uns für den Campground von Langidalur, der gut als Ausgangspunkt für die Fortsetzung der Tour über den Fimmvörðuháls dient. Doch als wir in Langidalur eintreffen, müssen wir feststellen, dass dort die Saison praktisch beendet ist. Die Hütte, zu der der Campground gehört, wird winterfest gemacht. Ein Polarfuchs treibt sich noch herum, der den Sommer über die Nähe der Menschen gesucht hat, bei denen immer ein paar Brosamen abfallen.

Für uns heißt das, hinüber nach Húsadalur zu wechseln. Dieser Ort wird auch von Bussen angefahren. Ob wir morgen unsere Wanderung über den Fimmvörðuháls bis an die Südküste nach Skógar fortsetzen werden, hängt vom Wetter ab. Momentan frischt der Wind wieder auf, und es ist ziemlich kalt. Bald stehen unsere Zelte, beruhigend summt der Kocher vor sich hin und stellt ein warmes Essen in Aussicht. Ludwig ist heute Maître de Cuisine. Ein Bier bekommen wir auch in der Hütte, so sehen wir dem nächsten Tag gelassen entgegen.


Þórsmörk – Skógar

Freitag, 31.August 2012

Rundwanderung Valahnúkur: 5,2 km; Busfahrt Þórsmörk – Rangárþing eystra – Skógar: 101,4 km

Düstere Wolken hängen im Tal von Þórsmörk. Ein steifer Wind treibt immer wieder Regenschauer übers Land. Der Pass Fimmvörðuháls ist von Wolken verhüllt. Keine Idealbedingungen für die Fortsetzung unserer Tour bis nach Skógar. Bei gutem Wetter wäre diese letzte Etappe in ein bis eineinhalb Tagen zu schaffen, aber unter den momentanen Bedingungen ist nicht zu sagen, wie lange wir benötigen würden. Morgen Nachmittag um 16 Uhr müssen wir in Skógar sein, damit wir den Bus zurück nach Reykjavík erreichen.

Ganz abgesehen davon, würden wir bei dem Wetter nichts sehen. So entschließen wir uns, den heutigen Tag in Húsadalur zu verbringen und am Nachmittag den Bus nach Skógar zu nehmen. Vielleicht ist das Wetter morgen besser, und wir können ohne Gepäck von der Südseite aus zum Pass wandern.

Nach dem Frühstück steigen wir auf den Hausberg von Húsadalur, einen felsigen Gipfel über dem Campground. Von oben bietet sich ein grandioser Blick auf das weite Tal des Markarfljót. Die Sander des mächtigen Gletscherflusses erstrecken sich bis an die Südküste. Die Wolkendecke weist nur wenige kleine Löcher auf, in denen man blauen Himmel erahnen kann.

Wir steigen weiter hinauf zum Aussichtsberg Valahnúkur. Unterwegs finden wir Pilze und Heidelbeeren. Vom Gipfel des Valahnúkur (465 m) hat man einen fantastischen Blick in das Tal der Krossá. Sie bildet ein weitverzweigtes Netz aus einzelnen Flussarmen, die den Talboden bedecken. Die Krossá hat zahlreiche Zuflüsse, die die Gletscher Mýrdalsjökull und Eyjafjallajökull entwässern. Tief unten im Talgrund sucht ein Korso von vier Superjeeps seinen Weg durch das Flusssystem, wobei einige Furten überwunden werden müssen. Aus unserer Perspektive wird einmal mehr deutlich, wie klein und verloren der Mensch trotz all seiner technischen Hilfsmittel in dieser Landschaft ist.

Beim Abstieg wählen wir den Weg nach Langidalur. Die Hütte ist bereits winterfest und verschlossen, erst in einem Dreivierteljahr wird hier wieder Leben einkehren. Der Polarfuchs von gestern streicht noch um die Hütte, er wird wohl bald begreifen, dass es hier vorerst nichts mehr zu holen gibt.

Rückweg nach Húsadalur, Zelte abbrechen, Rucksäcke packen. In der komfortablen Hütte verkürzen wir uns die Zeit des Wartens auf den Bus mit einem Bier. Vor der Hütte stehen die vier Superjeeps, die wir vom Berg aus gesehen haben. Da wir noch Zeit haben, kochen wir uns einen Kaffee. Das Wetter wird gerade wieder sehr ungemütlich, aber da kommt auch schon unser Bus.

Im Pulk zu drei Bussen verlassen wir Húsadalur. Eine gute Viertelstunde später wissen wir, warum. Wir müssen die Krossá furten, deren Hauptarm breit und reißend ist. Unser Bus ist der erste, der die Furt angeht. Souverän und routiniert steuert unser Fahrer den Bus durch die Fluten. Am anderen Ufer wartet er, bis der nächste Bus sich in Bewegung setzt. Sollte beim Furten etwas schiefgehen, würde er wahrscheinlich Hilfe leisten können. Denn das Furten solcher Gletscherflüsse ist beileibe kein Spaß. Auf Bildern hatte ich Busse wie die unsrigen gesehen, die von den Fluten einfach versenkt wurden. Sie mussten dann mit Traktoren und Schleppern geborgen werden.

Auf unserer Weiterfahrt queren wir noch mehrere kleinere Flussarme, bevor wir das Tal der Krossá verlassen und wieder festen Boden unter den Rädern haben. Mit Erreichen der Ringstraße verlassen wir endgültig die raue Welt des Hochlandes. Nach einer kurzen Schleife nach Nordwesten fährt unser Bus in Richtung Skogár. Kurzer Zwischenstopp am Seljalandsfoss. Diesen wunderschönen Wasserfall kenne ich noch von unserer ersten Islandreise. Der Fels hinter dem Fall ist ausgehöhlt, so dass man den Wasserfall umrunden kann.

Als wir in Skógar ankommen, ist es bereits dunkel. Der Campground liegt in Sicht- und Hörweite des mächtigen Skógafoss. Leichter Nieselregen sorgt dafür, dass wir recht bald in unseren Schlafsäcken liegen.


Skógar – Reykjavík – Keflavík

Samstag, 1.September 2012

Am Morgen ist das Wetter eher noch schlechter als am Vorabend. Oberhalb der Kante, über die der Fluss Skóga 60 Meter in die Tiefe stürzt und den Skógafoss (dt. Waldwasserfall) bildet, ist alles von Wolken verhüllt.

Beim Frühstück fällt uns, wie schon gestern beim Abendessen, auf, dass in unseren Trinkbechern stets ein winziger schwarzer Satz zurückbleibt. Er stellt sich als feiner schwarzer Lavasand heraus, der vom letzten Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 noch immer in der Luft liegt. An den Sanitäranlagen finden wir später einen schriftlichen Hinweis auf diese Kuriosität.

Wir wandern hinüber zu dem tosenden Wasserfall. Ein frischvermähltes Paar lässt sich vor der grandiosen Kulisse ablichten. Wir nehmen den steilen Pfad, der am rechten Rand des Skógafoss in die Höhe führt. Es ist der Beginn des Weges hinauf zum Pass Fimmvörðuháls und weiter nach Þórsmörk. Wir wollen dem Lauf des Skóga eine Zeitlang folgen. Oberhalb des Skógafoss bis hinauf zum Fimmvörðuháls gibt es etwa 20 weitere Wasserfälle, von denen aber keiner annähernd so mächtig und eindrucksvoll ist.

Es ist neblig und kalt, die Sicht beträgt kaum mehr als 100 Meter, oft weniger. Unsere Entscheidung, die Tour in Þórsmörk, war richtig. Wir erreichen eine Höhe von etwa 430 Metern, bevor wir abbrechen und uns auf den Rückweg begeben. Auf dem Campground nehmen wir noch eine heiße Dusche und brechen unsere Zelte ab. Unser Laugavegur-Trek geht seinem Ende entgegen.

Der Bus, der uns nach Reykjavík bringen wird, ist pünktlich, wie alle Busse bisher. Vor der Abfahrt schaut sich der Fahrer noch einmal gründlich um, auf dass auch kein Fahrgast vergessen werde.

Das System der öffentlichen Busse auf Island erinnert mich an die 50er und 60er Jahre in der DDR. Damals gab es nur wenige private PKWs, so war der Linienbus oft die einzige Möglichkeit, motorisiert von A nach B zu kommen, über Land zu fahren, aus einem entlegenen Dorf in die nächste Kreisstadt zu gelangen. Zum Einkaufen, wie es damals noch hieß, denn in den winzigen Dorfläden konnte man nur das Notwendigste erwerben.

Gelb und kastenförmig oder rund waren sie, diese Omnibusse (lat. für alle), noch nicht diese modernen, windschnittigen, am Computer entworfenen und im Windkanal getesteten Modelle. Bergauf ging es sehr gemächlich zu. Alle zehn Sekunden war ein tiefes Schnaufen des Kompressors zu hören. Mit dem Fahrer konnte man noch ein Schwätzchen wagen, und Fahrgäste, die irgendwo im Nirgendwo zwischen zwei Haltestellen um Mitfahrt begehrten, wurden ausnahmslos aufgelesen. So wie auf Island auch, wo, wie erlebt, der Bus sogar noch einen Umweg fährt, um einen Fahrgast, der draußen in der Einsamkeit des Hochlandes wartet, mit auf die Weiterreise zu nehmen.

Auf der Rückfahrt wiederum kurzer Halt am Seljalandsfoss, dann geht es auf der Ringstraße weiter in Richtung Reykjavík. Irgendwann geht der Nieselregen in Dauerregen über. So wie unsere Reise wettermäßig begonnen hatte, endet sie auch. Im BSÍ-Terminal genehmigen wir uns ein Abendessen und ein paar Bier. Mit einem der letzten Shuttle-Busse dieses Tages erreichen wir den Flughafen.

Nachdem auch dort das letzte Café geschlossen hat, suchen wir uns eine ruhige Ecke, versuchen, ein wenig Schlaf zu erhaschen. Aber das Sicherheitspersonal des Flughafens scheucht uns immer wieder auf. Angelehnt an der Wand zu sitzen, ist erlaubt, ausgestreckt zu liegen hingegen nicht. Verstehe einer die Vorschriften, die irgendwelche Bürokraten am bequemen Bürotisch zwischen zwei erholsamen Büroschläfen ausgeheckt haben. Irgendwie bekommen wir die Nacht herum und besteigen am frühen Morgen unser Flugzeug, das uns zurück nach München bringt.


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Author: QuiverTree

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