Kaokoland – der einsame Nordwesten Namibias (2008)

Verfasst: Ende 2008

Tagebuch einer Reise in eine vergessene Welt

Prolog

Es ist dieser allgegenwärtige Staub, der durch alle Ritzen kriecht, durch Lüftung und Klimaanlage ins Wageninnere dringt, sich auf alle Sa­chen legt. Der einen blind ins Nichts fahren lässt, wenn man einem anderen Fahrzeug begegnet. Den man auf der Zunge schmeckt, den man riecht. Der einen verzweifeln lässt, den man irgend­wann verflucht und zu bekämpfen schließlich aufgibt. Und der doch irgendwie dazu­gehört.

Es ist dieses gleichmäßige Brummen des Motors, wenn es auf glatter Pad in zügiger Fahrt vorangeht. Es ist dieses Rumpeln auf übler Waschbrettpiste, das jeden und alles durcheinanderschüttelt. Und es ist dieses gequälte Stöhnen des Motors, wenn die Fahrt über grobes Felsgestein oder durch feinen Tiefsand führt.

Es ist diese unglaubliche Trockenheit, diese erbarmungslose Sonne, die das Land ausdörrt und verbrennt, und es ist dieses erfrischende Gefühl beim Anblick letzter Reste von Wasser, selbst wenn es sich nur noch um eine schmutzige Brühe handelt.

Es ist diese empfindliche Kühle des Morgens und diese unerträgliche Hitze des Mit­tags, wenn nicht nur die Sonne, sondern auch die Erde, der Sand, die Steine die ge­speicherte Wärme abstrahlen und man verzweifelt einen schattigen Platz sucht. Und es ist dieses unbeschreibliche Licht in der letzten Stunde des Tages, wenn die Sonne alles in warme Farben hüllt, kurz bevor sie in rasanter Fahrt in den Horizont eintaucht und innerhalb kürzester Zeit die dunkelste Nacht mit den geheimnisvollen Geräuschen des Buschs hereinbricht.

Es ist dieser unbeschreibliche Sternenhimmel unter dem Kreuz des Südens, mit ei­ner Milchstraße, die zum Greifen nahe scheint, mit Sternen, die durch kein der Zivili­sation entstammendes Licht in ihrer Leuchtkraft beeinträchtigt werden.

Es ist dieses beschaulich-geschäftige Treiben in den Orten und das fröhliche Winken der Menschen auf ihren Eselskarren. Es ist diese oft unerträgliche Armut, die milde Gaben nicht wirklich zu lindern vermögen, und es ist die Dankbarkeit und das Lä­cheln, wenn man versucht, ein wenig zu helfen.

Es ist dieser gotterbärmliche, um ein Almosen bettelnde Krüppel mit den verdrehten Beinen, dem Grinsen eines Idioten und ein paar Münzen in seiner Papp­schachtel, der sich, nur Se­kunden später, als eine fröh­lich lärmende Menge vorbei­zieht, wie durch ein Wunder geheilt, in einen tanzenden Derwisch ver­wandelt. Und der wieder zu dem armseligen Bettler wird, als die Menge seinen Blicken ent­schwun­den ist. Im ersten Moment ist man erbost ob der Dreistigkeit, mit der er seinen Mitmenschen Mitleid und Geld ent­lockt, doch einen Augenblick später verzeiht man ihm in dem Glauben, dass solch hohe Schau­spielkunst belohnt werden muss.

Es ist dieses Afrika, dieses Namibia, das einen manchmal verzweifeln und doch im­mer wiederkeh­ren lässt. 


Freitag, 8.August: Flug nach Johannesburg

Wieder einmal sind wir auf dem Weg nach Afrika. Wir, das sind unsere Freunde Ur­sula und Karl sowie meine Frau Evelyn und ich. Nach sieben Jahren Pause soll diesmal erneut Namibia unser Ziel sein. Wir sind voller Vorfreude und Neugier, was sich wohl alles verändert haben mag.

Aber erst einmal hat Karl seinen großen Auftritt. Er hat ein großes goldgelbes Unge­tüm über der Schulter hängen, einen selbst genähten „Seesack“ aus dickem und schwerem Brokatstoff. Dieser Sack hatte den beiden vor zwanzig Jahren auf ihrer Reise durch Südafrika und Botswana gute Dienste geleistet, und so lag es nahe, das betagte Stück, das die afrikalosen Jahre auf dem Speicher verbracht hatte, wieder in Dienst zu stellen. In den nächsten drei Wochen wird sich zeigen, dass der Sack nicht nur schwer, sondern auch nicht wirklich gut für die Strapazen der vor uns liegenden Tour geeignet sein wird. Aber vorerst erregt Karl mit seinem voluminösen Begleiter Aufsehen. 

Der dritte Mann: Karl und sein Brokatsack

Im Münchner Flughafen gönnen wir uns das für längere Zeit letzte Weißbier und freuen uns insgeheim schon auf das erste Windhoek Lager.

Gegen zweiundzwanzig Uhr startet der Airbus der South African Airways in den nächtlichen Himmel über München. Rund achttausend Kilometer liegen bis Johan­nesburg vor uns. Wir haben leider keinen Direktflug mehr bekommen, so müssen wir den Umweg über Südafrika in Kauf nehmen. Wir genießen den guten Service des SAA-Teams während eines ruhigen Nachtfluges.

Nachtflüge haben zwar den Vorteil, dass man trotz der Enge meist ein paar Stunden Schlaf findet und einigermaßen ausgeruht am Zielort ankommt. Der Nachteil ist, dass man nachts von den fantastischen Landschaften, die man überfliegt, kaum etwas sieht.

Ein Flug über den schwarzen Kontinent ist immer wieder faszinierend. Wenn man das Mittelmeer überquert hat und Afrika beginnt. Wenn man weit mehr als zwei Stunden über die gigantische Sahara fliegt, mit ihrer unendlichen, von Sanddünen und darin erwachsenden Bergmassiven geprägten Landschaft. Wenn die grünen Regenwälder Zentralafrikas mit ihren mäandernden Flüssen vorbeiziehen, über de­nen sich ab Mittag gewaltige Wolkengebirge auftürmen, die den darunterliegenden Landstrichen den typischen warmen Tropenregen spenden. Wenn die Vegetation über dem südlichen Afrika wieder spärlicher und die Flüsse zu Trockenflüssen wer­den. Im Oktober letzten Jahres hatten wir auf dem Rückweg von Südafrika einen fantastischen Tagflug. Wir sahen den Fish River Canyon, die Spitzkoppe, den Brandberg und sogar aus weit über einhundert Kilometern Entfernung die über den Viktoria-Fällen emporsteigende gewaltige Wasserdampfwolke.

Ich konnte noch nie verstehen, wie viele Leute während eines solchen Fluges schlafen oder in den vor sich befindlichen Monitor starren, um sich irgendeinen öden Film anzuschauen, der über die Mattscheibe flimmert. Das große Kino spielt vor dem Flugzeugfenster. Mit unserer Erde in der Hauptrolle und einem genialen Bühnenbild.


Samstag, 9.August: Johannesburg Windhoek

Als die Sonne am Horizont erscheint, befinden wir uns bereits über Südafrika. Gegen sechs Uhr morgens erreichen wir Johannesburg. Nach dem Auschecken sehen wir uns in der Empfangshalle des Flughafens um. Wir wollen uns mit Herbert, dem Schwager von Uschi und Karl treffen. Er ist als junger Mann nach Südafrika ausge­wandert und lebt schon seit über dreißig Jahren in Johannesburg. Von ihm erhoffen wir uns noch ein paar gute Tipps für unsere Fahrt in das im äußersten Nordwesten Namibias gelegene Kaokoveld. Herbert ist in dieser Hinsicht sehr erfahren, er war schon oft im Busch Südafrikas, Namibias und Botswanas unterwegs. Zuverlässigere Informationen als aus seinem Munde kann man kaum bekommen.

Da ist er auch schon. Im eher spartanischen Flughafencafé suchen wir uns eine ru­hige Ecke. Wir vertiefen uns noch einmal in die Detailkarten vom Kaokoveld, die Herbert uns besorgt hatte. Außerdem hat er einen Kompass mit der für Namibia kor­rekten Missweisung mitgebracht. Wir haben zwar einen GPS-Empfänger im Gepäck, aber die beste Technik hilft nicht weiter, wenn sie ausfällt.

Herbert bekommt im Gegenzug einige Dinge aus Europa, die in Südafrika nicht zu bekommen sind. Am wichtigsten sind ihm dabei die beiden Flaschen Slivovitz.

Mich drängt es vor das Café an die frische Luft. Es ist noch kühl draußen, aber schließlich ist hier im südlichen Afrika Winter. Die Luft ist noch dunstig, aber man spürt schon, dass der Tag angenehm warm werden wird.

Am frühen Nachmittag startet unsere Maschine mit leichter Verspätung in Richtung Windhoek. Gegen drei Uhr betreten wir das Rollfeld des Hosea Kutako International Airport und damit namibischen Boden. Unser Autovermieter hat uns einen jungen Mann mit einem Kleinbus geschickt. Schnell ist das Gepäck verstaut und wir sind unterwegs nach Windhoek.

Der Flughafen liegt etwa vierzig Kilometer östlich der Hauptstadt. Auf asphaltierter Straße geht es zügig voran. Wie immer zu Beginn einer Reise in einem anderen Land muss sich das Auge erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen. Die Land­schaft unterscheidet sich eben deutlich von der uns gewohnten. Jetzt im Winter zur Trockenzeit ist die Vegetation spärlich, und die Pads sind staubig. Im Südosten von Windhoek erheben sich die Auas-Berge bis in eine Höhe von knapp zweieinhalbtau­send Metern. Windhoek selbst liegt etwa siebzehnhundert Meter über dem Meeres­spiegel, also deutlich höher als die meisten Orte in Deutschland.

Die Niederlassung unseres Autovermieters befindet sich in Klein Windhoek, zehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Wir werden schon erwartet. Ein offensichtlich sehr geschäftstüchtiger schwarzer Mitarbeiter weist uns in unseren Wagen, einen Nissan Navara, ein Pickup mit Hartschale und zwei Dachzelten für jeweils zwei Per­sonen ein. Wir hatten das Auto von Deutschland aus im wesentlichen nach drei Krite­rien ausgewählt: gute Bodenfreiheit, großer Kraftstofftank und großer Wassertank. Letzterer war allerdings nicht groß genug, wie sich nach einigen Tagen herausstellen wird.

Trotz des relativ geräumigen Laderaums stellt sich das Befüllen des Wagens wegen un­seres zahlreichen Gepäcks als keine leichte Aufgabe heraus. So verstauen wir zu­nächst alles provisorisch, da es schon spät ist und wir noch einkaufen müssen. Nach Möglichkeit wollen wir noch bei Tageslicht unseren ersten Campground erreichen. Ein gut sortierter Supermarkt befindet sich zum Glück gleich gegenüber dem Auto­vermieter. Er hat viele deutsche Produkte im Angebot, so dass man sich fast wie zu Hause fühlt.

Beim Beladen unseres Autos

Als unser Auto, mit den Einkäufen aus dem Supermarkt gut bestückt, endlich rollt, hat die Dämmerung bereits eingesetzt. Wir wollen am nächsten Tag eigentlich in Richtung Norden, da es aber schon spät ist, entscheiden wir uns für das Rest Camp Arebbush, das im Süden von Windhoek liegt. Bis dorthin seien es nur fünf oder sechs Kilometer, versichert uns der Angestellte der Autovermietung. Trotzdem brauchen wir einige Zeit, bis wir das Camp finden. Unsere Karte von Windhoek ist nicht wirklich gut, das GPS neu und mangels Erfahrung noch nicht sehr hilfreich, der Linksverkehr anfangs wieder gewöhnungsbedürftig und wir etwas gestresst vom Flug und der Enge im Auto ob des überhasteten und vorerst planlosen Packens. Ein freundlicher Zeitgenosse in seinem Pickup geleitet uns schließlich bis vor den Eingang des Camps. Wir sind in Namibia angekommen.


Sonntag, 10.August: Windhoek Waterberg

Schon am Abend hatten wir bemerkt, dass das Camp Arebbush nicht unbedingt zu den leisesten zählt. Es ist für Ankommende und Abreisende günstig gelegen, die Anlage wirkt sauber und gepflegt, aber die nahe Straße und der Inlandflugplatz süd­lich vom Camp fordern ihren Tribut.

Gegen zwei Uhr nachts werde ich vom heulenden Ton eines auf Hochtouren laufen­den Motors geweckt. Es hört sich an, als wolle auf dem nahe gelegenen kleinen Flugplatz jemand sein Moped oder Motorrad zum Fliegen bringen. Mehr oder weniger erfolg­los. Irgendwann verstummt der Lärm oder der Schlaf übermannt mich. Jedenfalls werde ich erst wieder wach, als es schon hell ist.

Es ist noch kühl am Morgen, aber der Tag verspricht, sonnig und warm zu werden. Nach dem Frühstück machen wir uns an die wichtige Aufgabe, unser Auto so effektiv und sinnvoll wie möglich zu beladen. Am Vortag hatten wir aus Zeitgründen alles nur provisorisch eingeräumt. Jetzt kommt es darauf an, jede noch so kleinen Raum auf der Ladefläche des Pickup auszunutzen. Denn zu viert kommt eine ganze Menge Gepäck zusammen, zumal wir in ein paar Tagen noch Lebensmittel für mindestens eine Woche bunkern müssen.

Irgendwann haben wir es geschafft, und das Innere des Autos sieht aufgeräumt aus. Am späten Vormittag sind wir unterwegs in Richtung Norden. Die Reise hat begon­nen.

Zunächst geht es gut zweihundert Kilometer auf geteerter Straße zügig voran. Wir lassen Okahandja hinter uns und biegen dann in Richtung Osten ab. Schon bald er­scheint in der leicht dunstigen Luft die Silhouette des Waterberg-Plateaus. Nördlich der Straße liegt der Große Waterberg, südlich davon der eigentlich etwas höhere, dafür aber flächenmäßig bescheidenere Kleine Waterberg. Die Straße wird von Flä­chen goldgelben Grases gesäumt, die an riesige Weizenfelder erinnern. In der Ferne grasen einige Rinder.

Unterwegs zum Waterberg

Namibia ist ein Land der Zäune. Oft fährt man stundenlang an Drahtzäunen entlang, die private Farmen oder staatliche Reservate eingrenzen. Lediglich in der Kalahari, an der Skelettküste und oben im Kaokoveld ist das Land noch frei zugänglich, für Mensch und Tier.

Am späten Nachmittag erreichen wir den Waterberg Plateau National Park. Der ge­pflegt wirkende Campground liegt am südlichen Ende des gewaltigen Tafelbergmas­sivs. Nach etwa einer Viertelstunde Arbeit stehen unsere Dachzelte, im Laufe der nächsten drei Wochen wird es immer schneller gehen. Wir sind gerade noch recht­zeitig fertig, um unseren ersten Sundowner zu genießen. Im Nu wird es dunkel, und unsere Burenwurst müssen wir im Schein der Stirnlampe und des Holzfeuers braten. Hier draußen in der Natur ist es wesentlich ruhiger als in der letzten Nacht in Wind­hoek. Die Gesänge einer kleinen Gruppe junger Leute in der Nachbarschaft ver­stummen bald, und gegen zehn Uhr liegen wir in unseren Schlafsäcken.


Montag, 11.August: Waterberg Hoba-Meteorit

Langsam legen wir die von Deutschland gewohnte Eile ab und beginnen zu akzeptieren, dass der Lebensrhythmus hier in Afrika vom Lauf der Sonne bestimmt wird. Das Leben erwacht mit Sonnenaufgang und kommt bald nach Sonnenuntergang zum Erliegen. Die schönste Zeit des Tages ist für mich die letzte Stunde vor der Dämmerung. Die Gluthitze des Tages ist verflogen, die Sonne steht schon tief und taucht alles in ein warmes, weiches Licht. Manchmal wünschte man sich, diese Zeit würde ewig dauern, zumindest so lange, wie in den nordischen Ländern, wo man im Sommer selbst um Mitternacht noch ein wenig Tageslicht hat. Wegen der Nähe zum Äquator ist die Dämmerung in Namibia aber sehr kurz, eine halbe Stunde nach dem Verschwinden der Sonne ist es stockdunkel. Was bis dahin nicht erledigt ist, muss bis zum nächsten Tag warten.

Gegen sechs Uhr ist die Nacht für uns zu Ende. Bald sitzen wir am Frühstückstisch und genießen das schöne Wetter des erwachenden Tages. Unsere Dachzelte sind schnell zusammengefaltet und dann begeben wir uns auf die erste Erkundungstour. Wir wollen das Plateau des Waterbergs erklimmen. Ein kurzer, steiler Fußpfad führt uns in einer knappen Stunde dorthin, für uns, die wir regelmäßig in den heimischen Bergen unterwegs sind, kein Problem. Der rote Sandstein und die fremdartige Flora und Fauna erinnern uns daran, dass wir in Afrika sind.

Herero-Frau am Waterberg

Der Waterberg ist etwa fünfzig Kilometer lang, zwanzig Kilometer breit und erhebt sich rund zweihundert Meter über die Ebene. Die am Waterberg vorzufindende ungewöhnlich üppige und artenreiche Vegetation verdankt ihre Existenz einer geologischen Besonderheit. Poröser Sandstein liegt auf einer wasserundurchlässigen Tonschicht auf. Niederschläge sickern in das Gestein ein und kommen am Fuß des Bergs wieder zum Vorschein. Während es also auf dem Berg verhältnismäßig trocken ist, sprudeln an seinem Fuß viele Quellen. Man findet hier unter anderem Feigenbäume, Feuerlilien, Korallenbäume, …

Auf dem Plateau angekommen eröffnet sich uns ein fantastischer Blick. Südlich von uns erstreckt sich bis an den Horizont die Omaheke-Wüste, ein Ausläufer der Kalahari. Die spärlich von Akazienbüschen bewachsenen Sandflächen sind von einigen Pads durchzogen, die sich irgendwo am Horizont verlieren. Wir stellen uns vor, welch unglaubliche Strapazen die ersten Siedler durchgemacht haben müssen, die dieses Land zu Fuß und mit dem Ochsenkarren erschlossen. Die Entfernung, die wir heute mit dem Auto auf guter Pad in einer halben Stunde zurücklegen, bedeutete vor einhundert Jahren eine Plackerei und Schinderei von ein bis zwei Tagen. Ohne zuverlässige Karte, ohne GPS, ohne Mobiltelefon, ohne Garantie für eine sichere Ankunft.

Das Plateau selbst ist ein Gewirr von kleinen und großen Felsblöcken, zwischen denen üppige Vegetation gedeiht. Wir treffen zwei junge Schweizer, die schon seit drei Wochen in Namibia unterwegs und nun fast am Ende ihrer Reise angelangt sind. Namibias Naturschönheiten haben die beiden gefangen, das merkt man ihren Schwärmereien deutlich an. Sie erzählen, dass sie auf der Farm Koiimasis in den Tiras-Bergen gewesen seien. Auch wir beabsichtigen, am Ende unseres Trips durch Namibia dort vorbeischauen, es wäre ein schöner Abschluss.

Seit 1972 steht das Gebiet um den Waterberg unter Naturschutz, insgesamt eine Fläche von rund 400 Quadratkilometern. Es wurden außerdem bedrohte Tierarten im Park angesiedelt, unter anderem Breit– und Spitzmaulnashörner, Rappen– und Pferdeantilopen sowie Streifengnus. Im Waterberg Plateau Park kann man herrlich wandern und sich entspannen. Es gibt ein ausgezeichnetes Restcamp mit Restaurant, schönen und preiswerten Ferienchalets, Swimmingpool und Campingplatz.

Auch die Waterberg-Region gehörte traditionell zum Siedlungsgebiet des Herero-Volkes. Im August 1904 wurde die Hereros – rund 40.000 Männer, Frauen und Kinder – unter der Führung von Samuel Maharero am Waterberg von 1600 deutschen Kolonialsoldaten eingekesselt und in einem dramatischen Kampf vernichtend geschlagen. Nur sehr wenigen Hereros gelang die Flucht durch die Kalahari-Wüste bis nach Botswana. Ein Soldatenfriedhof zeugt noch heute von den tragischen Ereignissen.

Die Mehrzahl der Gräber beherbergen die Gebeine deutscher Soldaten aus den ersten Jahren des 20.Jahrhunderts, der Zeit des Hereroaufstandes. Nur an einer Stelle des Friedhofs findet man einen Hinweis darauf, dass im Jahre 1903 vor allem die Hereros unzählige Menschenleben zu beklagen hatten. Der Zufall will es, dass wir gerade heute, am Gedenktag für die Toten dieses unseligen Krieges, an diesem Ort sind. Ein schlichter Blumenschmuck unter der Gedenktafel für die Herero-Opfer erinnert uns daran.

Auch andernorts, man denke nur an das Reiterdenkmal in Windhoek oder an die an die koloniale Vergangenheit erinnernden Denkmale in Swakopmund, geht Namibia sehr gelassen und tolerant mit seiner Vergangenheit um, die auch ein Teil unserer Vergangenheit ist. Woran das liegt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist es die namibische Variante der “Reconciliation”, die Südafrika, zumindest bisher, vor dem seinerzeit, nach der Entlassung in die Unabhängigkeit, prophezeiten Chaos bewahrt hat. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass der Versuch der zahlreichen Volksgruppen in Namibia, friedlich miteinander zusammenzuleben, von Erfolg beschieden ist.

Soldatengrab am Waterberg

Leider haben wir für das Waterberg-Gebiet nicht mehr Zeit, es gäbe noch vieles zu entdecken. Es soll hier zum Beispiel eine beachtliche Population von Nashörnern geben, auf dem Waterberg-Plateau kann man mehrtägige Wanderungen unternehmen, aber dies muss wohl einem nächsten Besuch vorbehalten bleiben.

Beim Auschecken an der Rezeption des Waterberg Plateau Parks machen wir die unerfreuliche Erfahrung, dass das Camp nicht nur unangemessen teuer ist, sondern dass man offenbar auch versucht, uns mit der Bezahlung über den Tisch zu ziehen und den Überschuss in die eigene Tasche zu wirtschaften. Es wird aber in dieser Hinsicht die einzige schlechte Erfahrung auf unserer Reise bleiben. Ansonsten werden wir immer eine freundliche und korrekte Behandlung erfahren, der Standardpreis von sechs Euro pro Nacht und Person sowie ein paar zusätzliche Euro für das Auto wird uns die nächsten drei Wochen begleiten. Und dagegen ist nun wirklich nichts einzuwenden …

Wir wollen heute noch weiter bis nach Grootfontein. Am späten Vormittag verlassen wir den Waterberg und begeben uns auf die Piste in Richtung Nordosten. Wir fahren durch eine für Zentralnamibia typische Dornbuschsavanne, wenig aufregend. Die kleinen Siedlungen Okakarara und Coblenz liegen auf unserem Weg.

Als wir eine Rast einlegen, um eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken, nähert sich uns langsam ein Eselskarren, besetzt mit fünf oder sechs Schwarzen, den wir kurz zuvor überholt hatten. Auch er wird irgendwann sein Ziel erreichen, später als wir, aber um vieles beschaulicher. Wir stellen uns vor, wir müssten die vor uns liegende Strecke auf einem solchen Eselskarren bewältigen. Abgesehen von den damit verbundenen Strapazen (ohne Klimaanlage ständig der sengenden Sonne ausgesetzt zu sein) wären wir Monate unterwegs.

Die Entdeckung der Langsamkeit – unterwegs mit dem Eselskarren

Wir stehen noch nicht lange, da nähert sich uns ein Schwarzer mittleren Alters. Er ist ziemlich dürr, seine Kleidung ist abgerissen, sein Englisch nur schwer zu verstehen. Er verdingt sein Leben eher schlecht als recht auf irgendeiner Farm in der Nähe, wo er gelegentlich einen Job hat. Normalität in Namibia.

Der Respekt gegenüber den Menschen, die entlang der Pad zu Fuß, zu Rad oder per Eselskarren unterwegs sind, gebietet es, dass man bei Begegnungen seine Geschwindigkeit deutlich reduziert, um die eigene Staubfahne möglichst klein zu halten. Aus Sicherheitsgründen sollte man dies bei Gegenverkehr sowieso tun, denn in eine von einem anderen Fahrzeug erzeugte Staubwolke fährt man hinein und ist für Sekunden völlig blind. Sekunden, die schon vielen zum Verhängnis geworden sind. Speed kills…

Am späten Nachmittag erreichen wir Grootfontein. In Afrikaans bedeutet das “Große Quelle”, der Name der Stadt geht aber auf die Nama zurück, die diese Region schon sehr viel länger bewohnen als die Weißen. Grootfontein macht einen sauberen und aufgeräumten Eindruck. Wir wollen allerdings noch ein paar Kilometer weiter zum Hoba-Meteoriten.

Der Hoba-Meteorit ist das größte je gefundene Exemplar, er wurde 1920 zufällig entdeckt. Der knapp zwei Kubikmeter große Brocken ging vor etwa 80000 Jahren nieder und rührt sich seitdem nicht von der Stelle. Das kleine eingezäunte Gelände darf gegen einen geringen Eintritt besichtigt werden. Ein kleines Schild warnt “Beware of falling meteorites“. Wir haben Glück, wir sind die letzten Besucher, denen an diesem Tag Eintritt gewährt wird.

Da es schon zu dämmern beginnt, wird es Zeit für uns, nach einem Campground Ausschau zu halten. Wir wollen uns das “Meteorite Camp” anschauen, dessen Hinweisschild wir auf der Hinfahrt gesehen hatten. Wir finden ein kleines Farmgelände vor, der Campground ist erst im Aufbau begriffen. Außer uns kommen später noch zwei junge Männer, wir haben also den Platz fast für uns.

Fleisch für ein gemütliches Braii haben wir in unserem Kühlschrank, was fehlt, ist ein erfrischendes Bier. Ich gehe zu den jungen, freundlichen Farmersleuten, vielleicht können die uns aushelfen. Bier hätten sie nicht im Haus, aber einen guten Rotwein, das schon. Wir kommen ins Gespräch, und ich erfahre, dass er eigentlich aus Südafrika stammt, sein Vater sei Winzer gewesen. Zwei- bis dreimal im Jahr führen sie hinunter ans Kap, von dort brächten sie dann immer genügend Wein mit. Er öffnet seine privaten Weinbestände für uns, und wenig später nenne ich zwei Flaschen guten südafrikanischen Rotweins mein eigen. Der Abend ist gerettet.


Dienstag, 12.August: Hoba-Meteorit – Sachsenheim

Am Morgen werden wir von lautem Vogelgezwitscher geweckt. Unsere Nachbarn sind schon wach, sie haben im Freien geschlafen und brechen ohne Frühstück auf. Wir hingegen lassen es uns gutgehen.

Trotzdem sind wir relativ früh unterwegs. Das nette Farmerehepaar wünscht uns eine gute Weiterreise, wir bedanken uns für die freundliche Aufnahme.

In Grootfontein suchen wir den nächsten Supermarkt auf, wir müssen unsere Vorräte auffüllen. Während die anderen einkaufen gehen, beobachte ich das bunte Treiben auf der Straße. Es dauert nicht lange, bis mich ein junger Schwarzer anspricht. Bereitwillig teilt er mir seinen Namen mit und fragt mich nach dem meinen. Diese Masche wird uns in den nächsten Tagen noch des Öfteren begegnen. Nachdem er meinen Namen weiß, ritzt er ihn mit einem kleinen Messer und flinken Fingern in eine etwa kastaniengroße Makalani-Nuss, die schon mit Tiermotiven verziert ist. Wenn der Name erst einmal auf der Nuss verewigt ist, kann man sich ihrem Kauf kaum entziehen. Der junge Damara hat Glück, weil er der erste ist, der bei mir diesen Coup landet. Die Nüsse sind auch hübsch anzusehen mit den durchaus mit Talent gestalteten Tiermotiven, aber mehr als drei kann wirklich kein Mensch gebrauchen. Wir hätten in den drei Wochen unseres Aufenthalts in Namibia einen ganzen Sack davon kaufen können. Im Anbahnungsgespräch bekommt man so ganz nebenbei die abenteuerlichsten Geschichten aufgetischt. Auch wenn es manchmal schwerfällt, man muss irgendwann konsequent ablehnen.

Die Einkäufer kommen zurück, und so kann ich mich elegant weiteren Verkaufsgesprächen entziehen. Neben den notwendigen Lebensmitteln haben sie einen Potjie mitgebracht, den für das südliche Afrika typischen, gusseisernen Topf mit Füßen, den man direkt ins Lagerfeuer stellt. Er soll uns in den kommenden Wochen mehrfach zur Zubereitung äußerst schmackhafter Speisen dienen. So ein Potjie hat nur einen Nachteil: er ist sperrig und schwer. Und das, wo unser Auto schon jetzt bis auf den letzten Winkel vollgestopft ist.

Vor der Post spricht uns ein junger Weißer an, weil er hört, dass wir deutsch reden. Er kommt aus der Schweiz, und wir haben das Gefühl, er möchte einfach nur wieder ein paar Worte in seiner Landessprache reden. Er ist braungebrannt und macht einen weitgereisten, dabei durchtrainierten Eindruck. Er sei seit über zwei Jahren mit dem Fahrrad in Afrika unterwegs. In der Schweiz gestartet wolle er noch bis Kapstadt. Dann denke er langsam daran, nach Europa zurückzukehren. Ein wenig neidisch bin ich schon, was hätte ich in seinem Alter darum gegeben, ähnliches unternehmen zu können. Wir wünschen ihm noch viel Glück für den Rest seiner Reise.

Schließlich verlassen wir Grootfontein in Richtung Norden. Kurz hinter der Stadt geht der Asphalt wieder in eine Sandpiste über. Wir fahren erneut viele Kilometer durch Dornbuschsavanne. Dann tauchen plötzlich vereinzelt, später immer häufiger, Makalani-Palmen auf. Eben jene Palmen, deren Nüsse den Einheimischen als Einnahmequelle dienen. Man wähnt sich zeitweise eher in tropischen Landschaften denn im trockenen Namibia.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Ort, für den wir einen Umweg in Kauf genommen haben. Einen riesigen Baobab Tree soll es hier zu besichtigen geben. Dank GPS, das wir langsam zu nutzen wissen, finden wir den Ort schnell. Ein kleiner Parkplatz unter Bäumen weist darauf hin, dass es hier etwas zu sehen gibt.

Der Baobab liegt auf einem Farmgelände, ist aber frei zugänglich. Ein schmaler Pfad führt durch silbrig-gelbes Gras. Es ist heiß. Ringsum wachsen Makalani-Palmen. Nach zehn Minuten Weg steht er vor uns, ein mächtiger, etwa 1500 Jahre alter Baobab. Er existierte also wahrscheinlich bereits zur Zeit der Völkerwanderung.

Der gewaltige Stamm ist dreigeteilt. Selbst an diesem abgeschiedenen Ort konnten es einige Zeitgenossen nicht lassen, sich mit geistlosen Schnitzereien im Baum zu verewigen. Er wird auch sie überdauern. Die Schnitzereien. Und die Schnitzer.

1500 Jahre alter Baobab

Wir müssen weiter. Für morgen haben wir eine Reservierung im Etosha Nationalpark, in Halali. Deshalb wollen wir heute Abend in der Nähe des östlichen Eingangs zum Park übernachten. Bis dahin sind es aber noch gut 150 Kilometer.

Auf der Weiterfahrt begegnen wir dem ersten Wild. Einige Springböcke und ein paar Warzenschweine queren die Pad, wir müssen achtsam sein. Ein Unfall könnte das vorzeitige Ende unserer Reise bedeuten. Wir drosseln unser Tempo und erreichen eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang Sachsenheim, eine private Gästefarm, etwa 40 Kilometer vor dem Eingang zum Etosha Nationalpark gelegen.

Nach dem Aufbau der Zelte und dem obligatorischen Sundowner geht es ans Kochen. Heute kommt der Potjie zu seinem ersten Einsatz. Karl geht sehr sorgsam mit dem guten Stück um. Wir schnippeln alles in den Topf, was verfügbar ist. Diverses Gemüse, Kartoffeln, Fleisch. Was am längsten garen muss, kommt zuerst in den Topf. Abgewürzt wird mit Pfeffer, Salz, Paprika und Chakalaka, einer sehr scharfen, aus Südafrika stammenden Gewürzmischung. Inzwischen ist das Feuer heruntergebrannt und hat eine schöne Glut erzeugt. Dort fühlt sich der Potjie am wohlsten. Unter regelmäßigem Rühren köchelt der Eintopf vor sich hin. Man darf nur den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, den Potjie vom Feuer zu nehmen.

Der Potjie im Einsatz

Kurze Zeit später sitzen wir vor einem wohlschmeckenden und nahrhaften Eintopf. Ein Glas Rotwein dazu, und die Welt ist in Ordnung.


Mittwoch, 13.August: Sachsenheim Halali

Wir sind früh auf den Beinen. Heute geht es in die Etosha-Pfanne. Die 40 Kilometer bis zum Parkeingang sind auf guter Straße schnell zurückgelegt. In Namutoni legen wir einen kurzen Zwischenstopp ein. Das alte deutsche Fort mit seinen schneeweißen Gemäuern lohnt allemal einen Besuch.

Das alte deutsche Fort Namutoni

Am Wasserloch von Halali tummeln sich viele Tiere. Zebras, Oryx-Antilopen, Springböcke. Aufmerksam, aber ohne Aufregung behalten sie ihre nähere Umgebung im Auge.

Wir verlassen Namutoni. Bis zum Abend müssen wir in Halali sein, was auf kürzestem Wege etwa 60 Kilometer bedeuten würde. Aber wir sind ja wegen der Tiere im Etosha-Park, und auf der Strecke nach Halali befinden sich viele Schleifen, die zu Wasserlöchern und Orten führen, an denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, auf Tiere zu treffen. Wir werden aber auch diesmal die Erfahrung machen, dass man an den ausgewiesenen Stellen oft längere Zeit wartet, ohne ein einziges Tier zu Gesicht zu bekommen, dafür aber unterwegs plötzlich “Jagdglück” hat. Es heißt einfach, die Augen offen zu halten, denn immer wieder stellt man erstaunt fest, wie gut die meisten Tiere getarnt und wie perfekt sie an ihre Umgebung angepasst sind.

Giraffe am Wasserloch

Im Laufe des Vormittags kommen wir irgendwann in die Nähe der eigentlichen Etosha-Pfanne, einer riesigen Salzpfanne, die den zentralen Teil des Parks bildet. Das Glitzern am Horizont könnte man für Wasser halten, aber wir sind uns einig, jetzt in der Trockenzeit müsse es sich um eine Fata Morgana handeln. Als wir uns schließlich der Salzpfanne weiter nähern, sehen wir, dass wir tatsächlich Wasser vor uns haben. Große Flächen der östlichen Pfanne zwischen Namutoni und Halali sind davon bedeckt. Unglaublich, mitten in der Trockenzeit. Wasservögel stochern nach Nahrung, wahrscheinlich Flamingos, die das Wasser nach planktonischen Algen durchsieben.

Ungewöhnlich für die Trockenzeit: Wasser in der Salzpfanne

Am späten Nachmittag erreichen wir Halali. Man muss gegen 18 Uhr in den Camps sein, da die Tore pünktlich geschlossen werden. Ohne Wenn und Aber. Ich habe mich schon manchmal gefragt, was passieren würde, wenn man zu spät kommt. Ich vermute, dass das Tor noch einmal geöffnet würde, gegen ein kleines Entgelt versteht sich.

Der Campground von Halali ist gut gefüllt, der nächste Nachbar steht vielleicht zehn Meter entfernt. Es herrscht ein lautes und geschäftiges Treiben. Das sind wir schon nach wenigen Tagen Einsamkeit nicht mehr gewöhnt.

Den Rest des Abends verbringen wir am beleuchteten Wasserloch von Halali, aber großes Glück haben wir heute nicht. Außer einem Nashorn, zwei Giraffen und zwei Hyänen lässt sich kein Tier sehen. Immer wieder beeindruckend ist die Vorsicht, mit der sich vor allem Giraffen dem Wasserloch nähern. Für die gerade mal 30 Meter bis zum Rand des Wasserlochs benötigt die Giraffe eine halbe Stunde. Immer wieder blickt sie sich um. Und bis sie sich mit ihren langen Vorderbeinen in eine Stellung gebracht hat, in der sie trinken kann, vergeht nochmals eine Viertelstunde. Verständlich, ist doch gerade die Giraffe beim Trinken in ihrer verwundbarsten Position.


Donnerstag, 14.August: Halali – Okaukuejo

Am Morgen noch einmal zum Wasserloch, aber jetzt ist noch weniger los als am Abend zuvor. Also packen wir unsere Siebensachen zusammen und begeben uns wieder auf die Pad.

Unser erstes Ziel ist der Etosha Lookout, eine Stelle am Südrand der Salzpfanne, an der man dieser ganz nah kommt. Auf dem Weg dorthin stehen plötzlich drei Autos beisammen, was gewöhnlich bedeutet, dass es etwas zu sehen gibt. Etwa dreihundert Meter von uns entfernt steht, gut getarnt, ein Nashorn regungslos zwischen zwei Büschen. Aufmerksam schaut es immer wieder in unsere Richtung, offenbar hat es Witterung aufgenommen. Sehen wird es uns wegen seiner schlechten Augen wohl kaum.

Am Rande der Salzpfanne zu stehen und einfach nur zu schauen, ist immer wieder ein eindrucksvolles Erlebnis. Die Pfanne misst etwa einhundert mal fünfzig Kilometer. Außerhalb der Regenzeit ist der Boden knochentrocken, aufgrund seines hohen Salzgehalts weißgrau und in Schollen von der Größe zweier Hände aufgebrochen. In der Pfanne selbst gibt es keinerlei Vegetation. Weit draußen ein einsamer Strauß. Von dem Wasser, welches wir am Vortag gesehen hatten, keine Spur. Es befindet sich dreißig, vierzig Kilometer weiter östlich.

Am Rand der Salzpfanne: Etosha Lookout
Salzpfanne: aufgebrochene Schollen

Auf der Weiterfahrt haben wir unerhörtes “Jagdglück”. Wieder stehen einige Autos beisammen, Indiz für etwas Außergewöhnliches. Drei Meter neben dem schmalen, von Büschen gesäumten Weg liegt ein Löwenpärchen im Schatten und döst. Ein junges kräftiges Männchen mit einem Weibchen. Wir trauen uns nicht einmal, zum Fotografieren das Autofenster herunterzulassen. Mit einem Satz könnte eines der Tiere bei uns sein, und das wollen wir nicht riskieren. Auch wenn beide schläfrig wirken, sollte man ihre Schnelligkeit nicht unterschätzen.

Jagdglück: Dösendes Löwenmännchen
… und sein Weibchen

Die Leute im Auto vor uns haben genug gesehen, und der Fahrer versucht, da es nach vorn nicht geht, an uns vorbei zu manövrieren. Wir unsererseits können nicht zurückstoßen, da hinter uns bereits der nächste Wagen steht. Und auch der ist nicht frei in seinen Entscheidungen, es hat sich bereits eine Warteschlange gebildet. Es dauert sicher fünf Minuten, bis wir durch vorsichtiges Rangieren, schließlich wollen wir die Löwen nicht verschrecken, den schmalen Hohlweg verlassen können.

Draußen warten noch mehr Autos darauf, in der Reihe weiter nach vorn rücken zu können. Wir ernten einige böse Blicke und erhobene Mittelfinger. Aber so ist das nun mal. Abgesehen davon, dass wir gar keine Chance hatten, dem Gedränge schnell zu entkommen: wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und die stillen Vorwürfe, die wir uns gefallen lassen müssen, sind letztlich wieder nur Ausdruck einer Mentalität, die in der Gesellschaft immer mehr Raum greift: ich habe schließlich Eintritt bezahlt, und nun habe ich ein Recht darauf, so viele Tiere wie möglich zu sehen. Auch Löwen. Es ist schön, wenn man das Glück hat, Löwen so nah zu sehen, aber es gibt neben den “Big Five” noch so viel mehr zu erleben, so viele andere, kleinere Dinge am Rande, die oft übersehen werden. Da sollte für Neid auf das “Jagdglück” anderer kein Platz sein.

Über Olifantsbad und die Gemsbokvlakte, eine weite, mit niedrigem Gras bewachsene Ebene, erreichen wir am späten Nachmittag das Rastlager von Okaukuejo. Nach einem staubigen Tag genießen wir es, ein paar Runden im Pool des Camps zu schwimmen. Zugegeben, man kann sich die Frage stellen, ob ein Pool in einer so trockenen Gegend wirklich notwendig ist. Aber es erhöht natürlich die Chance, dass mehr Touristen das Lager besuchen. Und vom Tourismus lebt die Etosha-Pfanne, und die Tierwelt profitiert letztendlich davon. Es ist wie in allen Schutzgebieten in Afrika oder sonstwo auf der Welt ein schwieriger Spagat zwischen Tourismus, der Tier und Mensch die nötigen finanziellen Mittel zum Überleben sichert, und Umweltverträglichkeit.

Die Etosha-Pfanne ist ein fantastischer Platz, um Tieren in ihrer natürlichen Umgebung so nah wie möglich zu kommen. Trotzdem werde ich dort nie das Gefühl los, mich in einem riesigen Zoo zu bewegen. Ähnliches gilt übrigens auch für den Krüger-Park in Südafrika. Es gibt in Afrika wohl nur noch ganz wenige Plätze, wo man Tiere in einer weitegehend natürlichen Umgebung beobachten kann, z.B. in der Serengeti oder im Okavango-Delta. Aber selbst dort wird der Spielraum immer kleiner.

In Okaukuejo gönnen wir uns ein Dinner im Restaurant des Camps, in den nächsten zwei Wochen wird unsere Kost deutlich schmaler ausfallen. Der Besuch am Wasserloch des Camps ist wiederum nicht sehr erfolgreich. Wir haben übrigens auf unseren vielen Besuchen in Tierreservaten, nicht nur in Namibia, die Erfahrung gemacht, dass nicht die frühen Morgenstunden, wie von “Experten” empfohlen, sondern die letzte Stunde vor Sonnenuntergang die beste Zeit zur Tierbeobachtung ist. Aber diese Erfahrung sollte jeder für sich selbst machen.


Freitag, 15.August: Okaukuejo Kamanjab

Der Vormittag gehört noch einmal dem Etosha-Park. Wir besuchen den Märchenwald westlich von Okaukuejo. Auf einer weiten Ebene stehen, stellenweise dicht gedrängt, Moringabäume. Charakteristisch sind ihre bizarren Formen und ihre helle, glatte Rinde. Auf der Rückfahrt sehen wir in der Ferne, am Rande der Salzpfanne einen mächtigen Löwen stehen.

Vor dem Verlassen von Okaukuejo fragen wir in der Rezeption nach, wie es um den Wasserstand an den Ruacana-Fällen bestellt ist. Davon hängt unsere weitere Route ab. Wir wollen den Umweg über die Fälle nur dann auf uns nehmen, wenn genügend Wasser vorhanden ist. Von einem Parkranger erfahren wir, dass die Fälle ausreichend Wasser führen. Was man auf solche Aussagen geben darf, werden wir am nächsten Tag erfahren.

Da es im ganzen Etosha-Park keinen Bankautomaten gibt, müssen wir, bevor es nach Norden geht, einen Abstecher über Outjo machen. Zum Glück ist die Straße nach Süden asphaltiert und problemlos befahrbar. So bringen wir die gut 100 Kilometer rasch hinter uns.

In Outjo ist man auf Touristen eingestellt. Der Dreh mit den Makalani-Nüssen, der uns das erste Mal in Grootfontein begegnete, wird hier an jeder Ecke abgezogen. Es fällt schwer, aber man muss konsequent ablehnen. Selbst der Hinweis darauf, dass man bereits mehrere Exemplare sein eigen nennen darf, wird ignoriert. Man bekommt die abenteuerlichsten Geschichten aufgetischt. Ich muss an Andreas Altmann, einen deutschen Reiseschriftsteller denken, der bei solchen Gelegenheiten seinem Gegenüber als Gegenwehr eine noch haarsträubendere Geschichte offerierte. Aber ich bin kein guter Geschichtenerfinder, und so muss ich mich oft unwirsch aus der Affäre ziehen.

Zuerst Bank, dann Supermarkt. Wir müssen so langsam unsere Vorräte für die nächsten zwei Wochen auffüllen, im Kaokoveld wird dies nicht mehr möglich sein. Als wir Outjo verlassen, sind wir alle erleichtert. Die Zudringlichkeiten derer, die etwas an den Mann bringen oder einfach nur Geld abfassen wollen, sind auf Dauer nervenaufreibend.

Wir sind wieder auf der Piste, bis Kamanjab sind es noch etwa 150 Kilometer. Die tiefstehende Sonne am späten Nachmittag taucht die Landschaft bei unserer Fahrt nach Nordwesten in ein unwirkliches Licht. Kurz vor Beginn der Dämmerung erreichen wir Kamanjab. Am Ortseingang ein Hinweisschild: Oppie Koppie. Wir beschließen, dort zu übernachten. Vom Ort dringt Lärm herüber. Es ist Freitagabend, es gab Wochenlohn, und der Alkohol fließt heute sicher reichlich. Wir sind nicht scharf darauf, auf dem kommunalen Campground zu nächtigen, so kommt uns Oppie Koppie gerade recht.

Wir werden in unserer Muttersprache empfangen und wissen sofort, dass unsere Wahl richtig war. Nicht wegen der deutschen Betreiber der Gästefarm, sondern weil man schon zu Beginn spürt, dass wir wirklich herzlich willkommen sind. Nachdem wir unseren Platz bezogen und unsere Zelte errichtet haben, führen wir noch ein längeres Gespräch mit dem Hausherren. Er und seine Frau, beide Ende fünfzig, sind viel in der Welt herumgekommen. Ihr alter Unimog steht noch auf dem Farmgelände. In Namibia sind sie schließlich hängengeblieben. Er schwärmt von seiner Farm und der Umgebung von Kamanjab, wo man, schenkt man ihm Glauben, mit ein wenig Glück alle Tiere antreffen kann, die es auch im Etosha-Park zu sehen gibt.

Nach dem Abendessen wollen wir noch ein wenig die Stille der Nacht genießen, aber hier auf 1200 Metern über dem Meeresspiegel wird es bald empfindlich kühl. Die Nacht wird frostig kalt, und wir sind froh, unsere eigenen Schlafsäcke mitgenommen zu haben.


Samstag, 16.August: Kamanjab Drei Linden

Am Morgen fällt die Entscheidung: wir werden nicht über die Ruacana-Fälle fahren. Zufällig haben wir auch unserem Gastgeber die Frage nach den Wasserverhältnissen an den Fällen gestellt. Er sei vor etwa drei Wochen dort gewesen, und es müsse mit unrechten Dingen zugehen, wenn es jetzt genügend Wasser gäbe. Wir glauben ihm mehr als dem gelangweilt wirkenden Parkranger vom Vortag. Außerdem rät er uns dringend von der Befahrung der D3700 zwischen Ruacana– und Epupa-Fällen ab. Sie sei durch die letzte Regenzeit stark in Mitleidenschaft gezogen und von metertiefen Auswaschungen gezeichnet. Wenn wir unser Fahrzeug nicht riskieren wollten, sollten wir diese Strecke meiden. Da die Ruacana-Fälle nicht genügend Wasser führen und wir einen gehörigen Umweg in Kauf nehmen müssten, um zu den Epupa-Fällen zu kommen, lassen wir unseren ursprünglichen Plan fallen und beschließen, über Opuwo, Epembe und Okongwati direkt nach Epupa zu fahren.

Wir verabschieden uns von unseren freundlichen Gastgebern und begeben uns auf die Pad. Heute liegt eine lange Strecke vor uns, bis zu unserem nächsten Camp werden es knapp 400 Kilometer sein. In Kamanjab erwerben wir in einem Hardware-Store noch einen zusätzlichen Kraftstoffkanister, im Kaokoveld wegen fehlenden Diesels liegenzubleiben wäre unverzeihlich.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Opuwo. Die Stadt liegt in einer Senke, einge­bettet in eine sanfte Berglandschaft. Das ist wahrscheinlich auch schon das einzig positive, was man über Opuwo sagen kann. Wir haben nicht viel Gutes über diese Stadt gehört. Sie sei nach Kairo die dreckigste Stadt Afrikas, berichten uns später Deutsche, die im Kaokoveld leben. Angesichts der Müllberge, die sich in der ganzen Stadt türmen, mag das wohl stimmen. Die Prostitution soll blühen, wovon wir an die­sem Nachmittag allerdings nichts bemerken. Vielleicht fehlt uns auch nur das ge­schulte Auge.

Auf den Straßen findet man kaum Weiße, die wenigen, die wir sehen, sind offen­sichtlich wie wir auf der Durchreise. Man mag sich auch kaum vorstellen, dass man sich hier dauerhaft niederlässt. Die Kriminalitätsrate ist ungewöhnlich hoch.

Wir hatten wegen des schlechten Rufs, der Opuwo vorauseilt, beschlossen, keines­falls hier zu übernachten. So suchen wir den nächsten, uns am vertrauenswürdigsten erscheinenden Supermarkt auf, um unsere Vorräte für die nächsten zehn Tage auf­zufüllen. Im Kaokoveld gibt es dafür andernorts kaum Möglichkeiten.

An der an der Hauptstraße gelegenen Tankstelle bunkern wir Diesel für die nächsten mindestens eintausend Kilometer. Insgesamt führen wir, Tank und Reservekanister gerechnet, zweihundert Liter mit uns. Der schwarze Tankwart macht heute sicher das Geschäft seines Lebens mit uns.

Wir sind gerade mit dem Befüllen unserer Kanister beschäftigt, als von der Haupt­straße ein Pickup in die Tankstelle einbiegt. Plötzlich hören wir lautes Reifenquiet­schen, der Pickup schießt mit Vollgas knapp an unserem Auto vorbei, rammt einen unweit von uns stehenden anderen Pickup, auf dessen Ladefläche sich einige Men­schen und Ziegen befinden. Er verlässt mit erneut laut quietschenden Reifen die Tankstelle über die Ausfahrt wieder, steuert quer zur Fahrtrichtung die andere Stra­ßenseite an und kommt dort, vom Bordstein unsanft gebremst, zum Stehen.

Der Fahrertür entsteigt ein junger Schwarzer. Schwankend und sich mühsam am Auto festklammernd. Er ist offensichtlich betrunken. Es ist Samstagnachmit­tag in Opuwo… Und nun passiert das Unglaubliche: keine zwei Minuten nach dem Unfall ist die örtli­che Polizei zur Stelle. Unbegreifliches Afrika… „Highway Patrol“ prangt in großen Lettern auf der Tür des nicht mehr ganz taufrischen Fahrzeugs. Trotz des Ernstes der Situation müssen wir lachen. Zum Glück ist offenbar niemand zu Schaden ge­kommen.

Highway Patrol in Opuwo

Der Unfall verursacht sofort einen Menschenauflauf, begleitet von lautem Palaver. In Afrika braucht man keine Reality-Shows, das tägliche Leben ist viel spannender. Da wir keinen gesteigerten Wert darauf legen, in die Sache involviert zu werden, schlie­ßen wir unser Tankgeschäft schnellstmöglich ab und verlassen die Stadt auf kürze­stem Wege Richtung Norden. Wie würde unser Freund Franz in dieser Situation sa­gen: „Hier möcht’ ich ja nicht tot überm Zaun hängen!“ Recht hat er…

Am Rande von Opuwo hausen einige Himbas zwischen Müll und erbärmlichen Hüt­ten. Die einst stolzen Nomaden sind mit den Segnungen der modernen Zivilisation zu Menschen am Rande der Gesellschaft geworden.

Kurz hinter Opuwo beginnt wieder die Sandpiste. In Richtung Epupa Falls ist sie mit normalen Pkws problemlos zu befahren, weshalb in den Camps an den Fällen rela­tiv viele Touristen anzutreffen sind. Die vielen Waschbrettabschnitte tun dem Fahr­ver­gnügen allerdings deutlichen Abbruch.

Bis Epupa kommen wir allerdings an diesem Tag nicht mehr. Wir haben von einer Campsite kurz hinter Okangwati gehört, die von zwei Deutschen betrieben wird. Und so stehen wir kurz vor Sonnenuntergang vor dem mit einer stabilen Kette verschlos­senen Tor von „Drei Linden“. Sofort sind wir von einer Schar von Himbakindern um­ringt, die um „Sweeties“ und Dollar betteln. Sie werden von ihrer Mutter oder Groß­mutter, so genau kann man das nicht sagen, sofort zur Räson gerufen.

Nach mehrmaligem Klingeln öffnet uns die Hausherrin, eine Frau mittleren Alters. Sie empfängt uns in unserer Muttersprache. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie sich eine kleine Oase inmitten der Wildnis geschaffen. Es wirkt alles noch irgendwie im­provisiert und unfertig, eine Mischung aus afrikanischer Nonchalance und deutschem Kleingartenidyll.

Das Idyll aber trügt, wie die Hausherrin zu berichten weiß. In Deutschland war sie Apothekerin und zieht deshalb hier neben Gemüse und solchen für Afrika exotischen Früchten wie Erdbeeren vor allem Heilkräuter. Die unter Bäumen angelegten Beete sind größtenteils mit Dornengestrüpp als Fraßschutz eingefasst und mit grünen Net­zen als Sonnenschutz überdacht. In der Regenzeit sei es ein blühendes Paradies, aber in der Trockenzeit scheiterten bisher alle Versuche, die Pflanzen am Leben zu erhalten. Bei einer Luftfeuchtigkeit von zehn bis zwanzig Prozent vertrockne erbar­mungslos alles, trotz Wässerung und Schatten.

Das im Garten produzierte Gemüse dient dem eigenen Verzehr und der Versorgung von Waisenkindern, die auf diese Weise wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag erhalten. Es ist beabsichtigt, mit Spendengeldern, die vorwiegend aus Deutschland stammen, ein Waisenhaus zu bauen. Aber selbst in Namibia mahlen die Mühlen der Behörden langsam.

Auf der Oase leben außerdem schätzungsweise 100 Hühner, darunter etliche Hähne (sie wer­den uns noch beschäftigen), ein kleiner Hund, ein paar Streifenhörnchen und ein Ma­rabu. Die Campsite ist eigentlich nur ein freier Platz, von dem es hier genug gibt. Unweit von uns stehen zwei Pickups, beide fahruntüchtig. Das Geld für die Reparatur ist momentan knapp, aber ohne Auto ist man hier draußen ziemlich hilflos. Allein die Post Office Box ist einhundertzwanzig Kilometer entfernt…

Dreißig Meter von uns entfernt stehen ein paar Wohnwagen, in denen Geologen mit ihren schwarzen Helfern ihr Lager aufgeschlagen haben. Sie suchen im Auftrag der Regierung nach Bodenschätzen. Auf dem Boden ihres Lagers sind unzählige Kästen mit Bodenproben ausgebreitet. Für die Besitzer des Campgrounds sind die Geologen eine zuverlässige Einnahmequelle.

Der Weg zur Toilette und dem Waschraum führt durch den liebevoll angelegten Garten. Auf den Holzbalken der Dachkonstruktion, direkt über dem Eingang zur Toi­lette, sitzen dicht gedrängt Dutzende von Hühnern. Aus den deutlichen Spuren auf dem Boden kann man lesen, dass es nicht ganz ohne Risiko ist, den direkten Weg zu nehmen. Will man trockenen Hauptes die Tür erreichen, sollte man sich für die Umgehung der Gefahrenzone entscheiden.

Den Rest des Abends verbringen wir mit dem Aufbau unserer Zelte und der Zube­reitung unseres Abendbrots. Wir haben Fleisch dabei und nutzen das Angebot unserer Gastgeber, die Glut des noch warmen Lehmofens zum Grillen zu verwenden. Kurz zuvor ist dort Brot gebacken worden.

Wie so oft liegen wir gegen neun Uhr in unseren Schlafsäcken. Im Fernsehen läuft heute nichts Interessantes, und der Abend ist hier in einer Höhe von knapp elfhun­dert Metern zu kühl, als dass man noch lange im Freien sitzen könnte.


Sonntag, 17.August: Drei LindenEpupa Falls

Gegen halb zwei in der Nacht wird unsere Ruhe das erste Mal gestört. Einer der zahllosen Hähne ist der Meinung, die Nacht sei zu Ende. Zum Glück überlegt er es sich noch einmal anders. Um vier Uhr ist es allerdings mit der Ruhe endgültig vorbei. Alle Hähne wetteifern offenbar um den Titel des lautesten Krähers. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Gegen sechs Uhr verlassen wir etwas missgelaunt unsere Zelte. Wenig später kommt einer der Geologen auf dem Weg zum Frühstück an unseren Zelten vorbei. Mit einer abwägenden Handbewegung und einem verschmitzten Lä­cheln fragt er uns, ob wir gut geschlafen hätten. Did you sleep well? Er weiß offenbar, wovon er spricht.

Die Hausherrin fragt uns, ob wir die Mondfinsternis der vergangenen Nacht gesehen hätten. Da wir nichts davon wussten, haben wir sie leider verpasst, der Himmel wäre frei gewesen.

Das Frühstück, das uns die Hausherrin bereitet, entschädigt für alle Unbill der ver­gangenen, viel zu kurzen Nacht. Wir sitzen an einem schattigen Plätzchen direkt am Ufer des Ombuku River. Es ist, wie die meisten Flüsse Namibias zu dieser Zeit, ein Trockenfluss. An den grünen Bäumen und Sträuchern, die das Flussufer säumen, erkennt man, dass unterirdisch noch Wasser vorhanden ist. Einige der großen Bäume in der Mitte des Flusses, so erzählt uns die Hausherrin, erfüllen gelegentlich noch ihre Funktion als spirituelle Versammlungsorte der Einheimischen.

Einmal, so berichtet sie, hätten sie das Kommen des Wassers zu Beginn der Regen­zeit hautnah erlebt. Irgendwo weiter oben im Norden musste es einen Wolkenbruch gegeben haben, und das Kommen des Wassers war zu hören, lange bevor es zu sehen war. Ein eigentümliches Grummeln und Rauschen, dem wenig später die Flutwelle, einer Wasserwand gleich, folgte. Eine unvergessliche Erfahrung. „Der Ri­vier kommt ab“ nennt man das im alten Südwesterdeutsch.

Nach dem Frühstück unterhalten wir uns noch mit unserer Gastgeberin. Auf die Frage, wie es sie hierher verschlagen hätte, meint sie, dass es der Wunsch ihres Mannes gewesen sei. Sie hätte sich für ihr Altenteil durchaus etwas anderes vorstellen können. Aber man merkt ihr an, dass sie in ihrem Leben hier mit viel Engagement aufgeht. Nach anfänglich schlechten Erfahrungen mit schwarzem Dienstpersonal erledigt sie alles, was auf der Farm anfällt, im wesentlichen allein. Wir können ihren Elan nur bewundern. Beide stammen übrigens aus Ostberlin, daher auch der Name ihres Refugiums “Drei Linden“.

Nun wartet noch eine wichtige Aufgabe auf uns. Da wir in den nächsten zehn Tagen nicht mehr damit rechnen können, trinkbares Wasser zu er­halten, wollen wir unseren Tank überprüfen und gegebenenfalls auffüllen. Wir hatten das Auto zwar mit einem vollen Wassertank übernommen, aber wir wissen nicht, wie alt und von welcher Qualität das Wasser ist. So entschließen wir uns, den Tankinhalt kom­plett zu erneuern. Um das kostbare Nass nicht zu verschwenden, spenden wir das alte Wasser den zahlreichen Bäumchen auf der Farm, die es gut gebrauchen können.

Dann ist es Zeit für uns aufzubrechen. Wir wünschen den beiden Farmbetreibern noch viel Glück und Kraft beim Aufbau des Waisenhauses und bedanken uns für die Gastfreundschaft mit einer kleinen Spende.

Heute liegen vor uns nur etwa siebzig Kilometer bis zu den Epupa-Fällen. Die Piste ist staubig, über weite Strecken unangenehmes Waschbrett, aber ansonsten problemlos zu befahren.

Östlich der Pad liegen in etwa dreißig Kilometern Entfernung die Zebra Mountains. Die Berghänge sind von schwarzen, vertikal orientierten, von der Erosion herrühren­den Streifen durchzogen und geben den Bergen ihr charakteristisches, an die Zeich­nung eines Zebras erinnerndes Aussehen. Die Menschen längst vergangener Zeiten, die vielen geografi­schen Orten und Besonderheiten ihren Namen gaben, hatten eine gute Beobach­tungsgabe und viel Fantasie. Zum Glück ist dieser Namensgebungs­prozess heute praktisch abgeschlossen, man wagt nicht, sich auszumalen, welche Na­men heute entstünden.

Westlich von uns erheben sich Mt. Otjihipa, Mt. Baynes und Mt. Omavanda, alle um die 2000 Meter hoch. Kurz vor Epupa machen wir einen Airstrip aus, direkt neben der Pad steht ein kleiner Buschflieger.

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Epupa Falls Community Campsite. Sie liegt direkt am Ufer des Kunene, der dort ein weiträumiges Geflecht aus verschiedenen Flussarmen bildet. Wir suchen uns einen schattigen Platz unter Palmen aus und errichten unser kleines Camp. Heute sind wir ungewöhnlich früh an unserem Tagesziel angelangt, so dass der Nachmittag für die Erledigung diverser kleinerer Aufgaben bleibt. So ist auch noch genügend Zeit, einfach mal zu sitzen, zu schauen, zu lauschen, zu dösen.

Ich schlendere über den Campground und schaue mich ein wenig um. Bemerkenswert sind die Duschen. Sie bestehen aus einem von Schilfmatten gesäumten Areal von vielleicht vier Quadratmetern. Außerhalb der Einzäunung steht eine Art Kanonenofen, in dem ein Holzfeuer flackert, um das heiße Duschwasser zu bereiten. Einfach, aber wirkungsvoll. Die Eingänge zu den Duschen, ebenso wie zu den Toiletten, sind lediglich mit einer dünnen Gaze verhängt, man muss sich durch kurzen Zuruf vergewissern, ob die Örtlichkeit frei ist.

An der Müllsammelstelle traue ich meinen Augen kaum. Hier wird tatsächlich Müll getrennt gesammelt. Glas, Papier, Plastik, Büchsen. Man kann nur hoffen, dass man das auch wirklich bis zum Ende durchhält und nicht nach dem Motto verfährt: getrennt erfassen, gemeinsam entsorgen.

In der Nähe der eigentlichen Epupa-Fälle befinden sich einige Gumpen, in denen man entspannt baden kann. Krokodile scheinen hier keinen Zutritt zu haben. Eine Stunde vor Sonnenuntergang steigen wir, mit einem Sundowner ausgerüstet, auf den Sundown Hill. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf die Fälle und das verzweigte Netz der Arme des Kunene. Zur Regenzeit ist sicher die gesamte Ebene um die Fälle von Wasser überflutet.

Auf dem Sundown Hill lernen wir Moses kennen, einen Himba, der als Guide für Touristen arbeitet. Moses ist schätzungsweise Anfang zwanzig, modern gekleidet , er spricht ein gutes Englisch und tritt selbstsicher und gewandt auf. Er hat in einer Busch-Schule eine gute Bildung genossen, er hat beste Voraussetzungen, seinen Weg in das moderne Namibia zu finden. Mit Moses verabreden wir uns für den nächsten Morgen. Er will uns in ein nahegelegenes Himba-Dorf führen. Da er selbst Himba ist, können wir uns keinen besseren Guide wünschen. Wir vereinbaren, uns um sieben Uhr zu treffen, wir würden ihn dann schon finden.

Am Abend bereiten wir noch ein kleines Lagerfeuer für unseren Potjie. Als Brennstoff dienen uns herabgefallene Palmwedel. Wir sind erstaunt, wie unglaublich zäh dieses pflanzliche Material sich unseren Versuchen widersetzt, es mit der Axt zu zerteilen. Dafür lässt es sich dann leicht entzünden und ergibt eine schöne Glut.


Montag, 18.August: Epupa Falls Buschcamp 1

Wie zuverlässig und mit welchem Erfindungsreichtum mündliche Verabredungen in Afrika eingehalten werden, soll eine kleine Begebenheit illustrieren, die wir vor etwa fünf­zehn Jahren in Tansania erlebten. Wir waren damals unterwegs zum Kilimandjaro, und einer der Mitreisenden aus unserer sechsköpfigen Gruppe führte, weil er ein paar Brocken Suaheli lernen wollte, ein Wörterbuch mit sich.

Einer unserer Begleiter, ein junger Schwarzer, bat darum, sich das Wörterbuch für die Zeit, die wir am Berg unterwegs waren, ausleihen zu dürfen. Er wolle es zurück­bringen, wenn wir vom Berg zurückkämen. Wir übergaben ihm das Wörterbuch, und keiner von uns glaubte daran, es jemals wiederzusehen.

Als wir nach sechs oder sieben Tagen vom Kibo zurückkehrten und mit unserem Geländewagen unterwegs in Richtung Arusha waren, stand plötzlich, inmitten eines Bananenhains, ein junger Schwarzer und bedeutete uns mit seinem Winken, dass wir halten mögen. Und womit keiner gerechnet hatte: er übergab uns das geliehene Wörterbuch. Es war übrigens nicht der, der das Buch in Empfang genommen hatte. Wie das ganze organisiert war, wie er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, wie lange er dort gewartet haben mag, wird ewig sein Geheimnis bleiben.

Am Morgen brechen wir unser Camp an den Epupa-Falls ab und sind pünktlich um sieben Uhr bereit, uns mit Moses zu treffen. Und wir müssen nicht auf ihn warten, er hat uns bereits gefunden. Wir begutachten gemeinsam mit ihm die Geschenke, die wir beabsichtigen, in das Himba-Dorf mitzunehmen: Maismehl und Tabak. Zu unserer Verwunderung meint er, das Mehl sei zu wenig, aber daran soll es jetzt nicht scheitern. So fahren wir in den Laden der benachbarten Community und fassen noch fünf Kilogramm Mehl nach.

Das Himba-Dorf liegt wenige Kilometer von Epupa entfernt neben der Pad. Moses vermittelt uns noch ein paar Benimmregeln für den Besuch des Dorfes. Das wichtigste sei, dass man als Fremder nicht zwischen Rinderkraal und heiliges Feuer gerät, was nach dem Glauben der Himbas Unglück bringt.

Typisch für die Himbas ist ihre kakaobraune Haut. Sie soll so glatt und glänzend sein wie das Fell eines Rinderkalbes. Um dies zu erreichen, bedient man sich einer selbst gefertigten Paste aus Rotholzpulver und Butter, wobei letztere in jüngster Zeit durch geeignete fetthaltige Substanzen aus dem Supermarkt ersetzt wird. Je nach Geschlecht, Alter und gesellschaftlichem Status tragen die Himbas unterschiedliche Haartrachten. Am auffälligsten sind die beiden, vom Hinterkopf nach vorn geflochtenen Zöpfe der jungen Mädchen, die an Rinderhörner erinnern sollen. Rinder sind den Himbas heilig und deren kostbarster Besitz.

Als wir in das Dorf kommen, sitzen zwei jüngere Männer, schätzungsweise um die dreißig, lässig auf zwei Campingstühlen am Feuer. Der eine von ihnen, so erklärt uns Moses, sei der Chief des Clans. Wir begrüßen sie höflich, wovon die beiden kaum Notiz nehmen. Die überreichten Geschenke vereinnahmen sie ohne ein Wort des Dankes und, ohne sich von ihren Stühlen zu erheben, wie selbstverständlich. Etwas befremdlich wirkt das schon auf uns. Ich erinnere mich an die Erklärung dieses Verhaltens, die Reiner Kunze in seinem Buch “Steine und Lieder” liefert. Innerhalb der Gemeinschaft der traditionellen Völker des südlichen Afrika sei einer auf den anderen angewiesen, und Dank zu sagen hieße, dass man der Hilfe des anderen nicht mehr bedürfe.

Der Chief fragt sofort, ob wir Zigaretten hätten. Ich biete ihm eine Schachtel dar, in der sich noch einige Zigaretten befinden. Er nimmt nicht etwa eine, wie ich erwartet hätte, sondern alle in der Schachtel befindlichen. Der andere der beiden Männer geht leer aus.

Moses erklärt uns, dass jede der Hütten eine Frau des Clans mit ihren Kindern beherberge. Der Chief macht im Laufe der Zeit die Runde und schläft alle zwei oder drei Tage in einer anderen Hütte. Verständlich, dass er sich tagsüber ausruhen muss.

Obwohl uns Moses vor dem Betreten des Dorfes die Erlaubnis zum Fotografieren erteilt hatte, vergewissere ich mich nochmals, bevor ich eine der Himbafrauen ins Visier nehme. Wer von uns ließe sich schon gern bei der Morgentoilette ablichten. Die, man erkennt es an der Haartracht, verheiratete Frau salbt sich ihre Haut gerade mit der schon erwähnten rotbraunen Paste ein. Neben ihr hockt ein etwa eineinhalbjähriger nackter Knabe auf der rotbraunen Erde. Nicht weit davon entfernt steht ein stolzer junger Mann mit einem einzeln geflochtenen Zopf, gestützt auf eine Art Hirtenstab. Im Rinderkraal versorgt eine junge Frau die Tiere. Wie in vielen Ländern Afrikas wird die meiste Arbeit von den Frauen verrichtet, während die Männer träge im Schatten lungern und palavern.

Wir verlassen das Himba-Dorf und sind um eine Erfahrung reicher. Wieder einmal wird uns bewusst, das zwischen unserer Kultur und der traditioneller Völker Welten liegen, und dass dort, wo die zwei Kulturen aufeinandertreffen, zwangsläufig Konflikte, zumindest Unverständnis entstehen müssen. Einige Dinge könnten die modernen Menschen von den Urvölkern lernen, anderes hingegen dürfen wir getrost als positive Errungenschaften moderner Zivilisationen verbuchen.

Wir fahren noch einmal zurück nach Epupa, um Moses dort abzuliefern. Während die anderen noch etwas zu erledigen haben, warte ich am Auto. Ein paar Jugendliche spielen Fußball, und sofort werde ich in ihr Spiel involviert. Auch wenn ich das Spiel durch mein Zutun nicht wesentlich bereichert habe, sind alle ein wenig enttäuscht, als wir abfahren müssen.

Zunächst nehmen wir die Pad zurück nach Okongwati. Im Ort soll es, wenn man Glück hat, Diesel zu kaufen geben. Wir sind zwar gut ausgestattet, und seit Opuwo hat sich unser Tank sicher nur geringfügig geleert, aber beruhigend wäre es schon, den Tank gut gefüllt zu wissen. So machen wir uns auf die Suche und werden auch bald fündig. Wir finden ein einstöckiges Haus mit einem weit ausladenden Vordach. An den Balken unter dem Dach hängen verschiedene Autoteile: Achsen, Tanks, Auspuffrohre. Was in unserer Wegwerfgesellschaft schon längst auf dem Müll gelandet wäre, dient hier der weiteren Verwendung. Offenbar nicht nur in Autos, wir haben schon Eselskarren gesehen, die auf der alten Hinterachse eines ausgedienten PKWs rollten.

Vor dem Haus sitzt eine beleibte Hererofrau in einem prächtigen grünen Gewand. Wir fragen nach, ob sie Diesel zu verkaufen hätten, und tatsächlich haben wir Glück. Zwei junge Schwarze betanken unseren Wagen – auf afrikanische Art. Der mit Diesel bestückte Plastikkanister wird auf eine umgedrehte leere Blechtonne gestellt, mit einem Schlauch wird angesaugt,  und schon füllt sich unser Tank. Einer der beiden Jugendlichen fragt uns, ob wir Schuhe hätten, die wir entbehren können. Diese Frage wird uns noch des Öfteren gestellt werden, Schuhe sind offenbar ein begehrter Artikel, vor allem hier oben im Kaokoveld. Ganz abgesehen davon, dass sie für die meisten sicher unbezahlbar sind, gibt es sie hier schlicht und einfach nicht zu kaufen. Und wer kann sich schon eine Fahrt ins ferne Windhoek wegen eines Paars Schuhe leisten. Leider müssen wir verneinen, wir haben mit unserem Gepäck so gespart, dass wir nicht helfen können.

In Okongwati kommen wir an den wenigen kommunalen Einrichtungen vorbei, ein Bottle Store, ein “Supermarkt” und ein Frisiersalon. Letzterer besteht aus einem Bretterverschlag, an der Außenwand hängt eine handgemalte Tafel, auf der man die Frisuren besichtigen kann, die man verpasst bekommt. Irgendwie erinnern mich die meisten an den Irokesenschnitt des Sergeant Bosco aus der Fernsehserie “A-Team“.

Dann verlassen wir Okongwati in westlicher Richtung auf der D3703, das eigentliche Abenteuer Kaokoveld beginnt. Die Pad wird nun deutlich schlechter. Wenige Kilometer hinter Okongwati passieren wir eine kleine Salzpfanne und durchqueren ein Trockenflussbett. Linker Hand müssen irgendwo die Otjijandjasemo Hot Springs liegen, von denen ich gelesen habe, es handle sich eher um Rinnsale. Wir fahren an zwei bis vier Meter hohen Flaschenbäumen vorbei, die gerade mit weiß-gelben Blüten übersät sind. Stellenweise windet sich die Pad auf einen Höhenrücken, und wir haben einen weiten Blick in das menschenleere, hügelige Land. Mittags legen wir eine kurze Rast im spärlichen Schatten einer Akazie ein.

Ab und zu kommen wir an alten Herero-Gräbern vorbei. Die Pad ist teilweise mit tiefen Spurrinnen versehen, wahrscheinlich sind sie das Ergebnis der letzten Regenzeit. In Kamanjab hatte man uns gesagt, dass die Zufahrt zum Van-Zyl’s-Pass beinahe so anspruchsvoll sei wie der Pass selbst. Dabei sind wir momentan immer noch auf der D3703, die nicht als 4WD-Strecke ausgewiesen ist, und die in einem weiten Bogen nach Opuwo zurückkehrt. Allerdings bezweifle ich, dass sie mit einem normalen PKW zu befahrbaren ist. Das betrifft vor allem auch die feinsandigen Trockenflussdurchfahrten.

Es ist später Nachmittag. Rechts der Pad stehen ein paar Pickups, ringsherum etliche Schwarze. Es sieht aus, als würden sie ein Fest vorbereiten. Wir wollen nicht stören, außerdem müssen wir uns langsam nach einem Platz für die Nacht umsehen. Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter, durchqueren ein trockenes Flussbett und finden etwa 200 Meter neben der Pad einen geeigneten Platz. Wir achten darauf, dass wir vom Weg aus nicht zu sehen sind, damit wir nachts keinen ungebetenen Besuch bekommen.

Beim Ausräumen des Autos machen wir eine unangenehme Entdeckung: unser Wassertank scheint am Einfüllstutzen undicht zu sein. Wir wissen zwar nicht genau, wieviel Wasser wir verloren haben, aber nun ist sparsamer Umgang mit dem wertvollen Nass angesagt. Bis zur nächsten Wasserstelle kann es noch weit sein. An diesem und den folgenden Tagen proben wir den Ernstfall. Und es erstaunt uns selbst: mit einem halben Liter Wasser, einer Gummiwaschschüssel und einem Papierwaschlappen gelingt uns eine Ganzkörperwäsche. Not macht genügsam.

Als wir bereits in den Schlafsäcken liegen, hören wir draußen auf der Pad, 200 Meter von uns entfernt, eine Gruppe eifrig diskutierender Menschen vorüberziehen. In der Dunkelheit bemerken sie unser Buschcamp nicht, und wir können in Ruhe weiterschlafen.


Dienstag, 19.August: Buschcamp 1Buschcamp 2

Wir sind gerade bei den Vorbereitungen für das Frühstück, als plötzlich ein jugendlicher Himba neben unserem Tisch steht, keine zehn Meter von uns entfernt. Niemand hat ihn kommen sehen, es wird uns noch des Öfteren passieren, dass wir Besuch bekommen, ohne dass wir es vorher bemerken. Der Himba steht nur da und schaut, das Kinn auf seinen Stock gestützt, unserem Treiben zu. Wir wünschen einen guten Morgen, er nickt freundlich zurück. Wir fühlen uns etwas unwohl in unserer Haut, als Mitteleuropäer sind wir solche Situationen nicht gewohnt. Zu Hause würde man das als Verletzung der Privatsphäre empfinden, der junge Himba scheint dies anders zu sehen.

Offenbar hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass ein paar Weiße mitten im Busch campieren, denn es kommen fünf oder sechs weitere Himbas hinzu. Sie stehen ebenfalls da und schauen. Sie sind mit einer Mischung aus traditionellen und modernen Elementen bekleidet. Keiner bettelt. Wir beschließen, unser Frühstück erst einmal aufzuschieben, denn sechs oder sieben weitere Mäuler können wir aufgrund unserer knapp bemessenen Vorräte nicht verköstigen.

Wir kramen ein paar unserer Gastgeschenke hervor, die wir für solche Zwecke mitgenommen haben und versuchen, sie möglichst gerecht unter allen Anwesenden zu verteilen. Sie nehmen die Geschenke dankbar entgegen, anders als in dem Himbadorf oben an den Epupa-Fällen. So kommen wir auch langsam mit den Jugendlichen ins Gespräch. Die meisten sprechen ganz gut englisch, offenbar Ergebnis der Schulen, die man selbst in diesen entlegenen Gegenden manchmal sieht.

Langsam verlieren sowohl die Himbas als auch wir die Scheu voreinander. Ein etwa zehnjähriger Junge steigt die Leiter zu unseren Dachzelten hinauf, kriecht hinein und setzt sich dann stolz in den Eingang. Offensichtlich ist er belustigt ob unserer seltsamen Schlafstätten. Ein zweiter Junge tut es ihm gleich, die Älteren zeigen mehr Zurückhaltung und betrachten das Treiben von unten.

Wir beschließen, unser Frühstück zu verschieben, denn wir empfänden es als unhöflich, vor den Himbas zu tafeln, ohne sie teilhaben zu lassen. Wir brechen unser Lager ab, verabschieden uns und fahren zurück auf die Pad. Die Himbas folgen uns lachend und palavernd im Laufschritt. Sie laufen zwei oder drei Kilometer hinter unserem Auto her, bis sie schließlich in einen kleinen Seitenweg einbiegen, offenbar der Zugang zu ihrem Dorf.

Wir sind wieder allein. An einer geeigneten Stelle holen wir unser Frühstück nach. Die Pad windet sich kurvenreich über die Hochebene. Dem Umstand, dass wir uns ein wenig von der gestrichelten Linie auf dem Display unseres GPS entfernen, messen wir anfangs keine Bedeutung zu. Schließlich ist unsere Karte nicht mehr aktuell, und es kann gut sein, dass die Pad in einer der letzten Regenzeiten hinweggespült wurde und die neue etwas anders verläuft.

Inzwischen haben wir uns etwa vier Kilometer von unserer eigentlichen Route entfernt, uns kommen erste Zweifel. Vor uns liegt eine Einmündung. Der nach rechts weisende Weg würde in die Richtung führen, in die wir eigentlich müssten. Wir steigen aus dem Auto. Auf dem Boden liegen einige Haufen Rinderdungs. Mir fällt auf, dass sie eine exakte Linie bilden, wie an einer Perlenschnur aufgereiht sind. “So genau scheißt kein Rindvieh” bemerke ich trocken, und als wir genauer hinsehen, ist entlang der Dunghaufen eine in den sandigen Boden gescharrte Linie mit einem Pfeil zu erkennen. Der Pfeil zeigt nach rechts, in die vermeintlich richtige Richtung. Das muss unser Weg sein.

Nach einigen hundert Metern tauchen neben der Pad ein paar kleine Himbahütten auf. Man hat unser Kommen schon bemerkt, vor einer der Hütten steht ein alter Mann mit einem etwa Zehnjährigen, möglicherweise sein Enkel. Wir versuchen, unseren Weiterweg zu erfragen, müssen aber feststellen, dass keiner der beiden auch nur ein Wort englisch spricht. Und wir natürlich kein Himba. Mit Händen und Füßen versuchen wir, uns verständlich zu machen. Das Wort “Otjitanda“, der nächste Ort auf unserer Route zum Van-Zyl’s-Pass, versteht der Alte endlich. In der von uns beabsichtigten Richtung führe der Weg nicht weiter, es komme bald ein steiler Abbruch. So zumindest deuten wir seine Gesten. Mit dem ausgestreckten Arm beschreibt er einen weiten Bogen in der Richtung, aus der wir gekommen sind. Uns wird klar, dass wir irgendwo den richtigen Abzweig verpasst haben. Trotz Detailkarte und GPS.

Wir bedanken uns bei den beiden mit etwas Tabak und ein paar Keksen und kehren um. Als wir zum Wenden noch ein paar Meter in die falsche Richtung fahren, gestikuliert der Alte wild mit seinen dünnen Armen. Erst als wir drehen, ist er zufrieden.

Uns wird nun auch langsam klar, wo wir den Abzweig verpasst haben, nämlich dort, wo die hinter unserem Auto herlaufenden Himbas in das vermeintliche Dorf abgebogen sind. Bis dorthin zurück sind es vielleicht gerade mal zehn Kilometer, aber der Verhauer wird uns insgesamt fast zwei Stunden kosten.

Wir nehmen diesmal den richtigen Abzweig. Wir fahren an einem kleinen Himba-Kraal vorbei und gönnen uns eine kurze Rast. Auf einem Esel kommt uns ein junger, etwa vierzehnjähriger Himba entgegen. Schnell sind wir im Gespräch. Er komme gerade aus der Schule, berichtet er. Immer wieder fällt uns auf, dass viele junge Himbas selbst in entlegenen Gegenden erstaunlich gut englisch sprechen. Offenbar das Ergebnis einer vernünftigen Bildungspolitik. Auf unserer Reise haben wir viele neue Schulgebäude und “mobile schools” gesehen.

Als wir wieder in Fahrt sind, sehen wir im Rückspiegel einige Geländewagen, die sich schnell nähern. An einer geeigneten Stelle halten wir und lassen sie passieren. Wir zählen elf oder zwölf Fahrzeuge. Eines der Autos zieht einen geländegängigen Wohnwagen, der uns schon auf dem Campground oben an den Epupa-Fällen aufgefallen war. Den Schluss des Konvois bildet eine offener Pickup, auf dessen Ladefläche sich Reifen und diverse Ersatzteile stapeln. Offenbar haben wir hier eine geführte Selbstfahrertour vor uns. Sie sind deutlich schneller unterwegs als wir, aber in der Gruppe und mit Ersatzteilfahrzeug können sie sich das leisten. Wir müssen verhaltener fahren, ein Liegenbleiben wollen wir auf alle Fälle vermeiden. Schließlich kann man nicht jeden Tag mit so vielen potentiellen Helfern rechnen.

Die Pad wird jetzt immer anspruchsvoller. Wir queren Trockenflusstäler mit Tiefsand, fahren durch gut einen halben Meter tiefe Spurrinnen und müssen ein paar steile Anstiege nehmen. Letztere erfordern besonders hohe Aufmerksamkeit. Einen steilen Wegabschnitt hinabzufahren ist eine Sache, ihn hinaufzufahren eine andere. Abwärts kann man sich notfalls zentimeterweise vorwärtsbewegen, aufwärts funktioniert das ab einer gewissen Steigung nicht mehr. Stehenzubleiben bedeutet meist, nicht mehr anfahren zu können. Man muss die Steigung also mit Schwung angehen. Wenn der Weg nun noch mit großen Steinen gepflastert ist, wird es besonders delikat. Das beste ist, sich den Weg vorher genau anzusehen, sich die kritischen Stellen gut einzuprägen und dann – Augen zu und durch.

Bald erreichen wir den Campground “Van Zyl’s Pass“, der offizielle Beginn der eigentlichen Passüberquerung. Da wir noch gut eine Stunde Tageslicht haben, beschließen wir, weiterzufahren und uns eine geeignete Stelle für das nächste Buschcamp zu suchen. Gerade noch rechtzeitig finden wir einen schönen Platz. Inzwischen haben wir soviel Routine, dass das Lager innerhalb kürzester Zeit steht. Die Gespräche an diesem Abend drehen sich natürlich in erster Linie um ein Thema: die am nächsten Tag vor uns liegende eigentliche Passüberquerung. Die Schlüsselstelle unserer gesamten Tour.


Mittwoch, 20.August: Buschcamp 2Kunene (Van-Zyl’s-Pass)

Wir gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück, damit wir den Anforderungen der vor uns liegenden anspruchsvollen Wegstrecke gewachsen sind. Wir sind schon beim Abbrechen unseres Camps, als wieder unvermittelt ein Himba in unserer Nähe steht und interessiert unserem Treiben zuschaut.

Wenige hundert Meter nach unserem Lagerplatz queren wir ein Trockenflussbett. Hier wäre auch ein schöner Platz für ein Buschcamp gewesen. Und jetzt in der Trockenzeit ist mit plötzlich anrollenden Wassermassen nicht zu rechnen. Die Gesteinsformationen des eindrucksvollen Canyons erinnern ein wenig an die Mondlandschaft am Kuiseb-Pass.

Wenig später fahren wir an mächtigen Euphorbien vorbei. Wir begegnen einigen Himbas auf ihren Eseln. Als wir über eine Kuppe fahren, sehen wir auf einmal das Bild vor uns, das sicher schon hunderte Male fotografiert worden ist. Geradeaus müht sich eine schmale Fahrspur in steilem Anstieg auf einen Hügel. Nach links windet sich die eigentliche Pad zunächst sanft den Hang hinab. Wir sind am Van-Zyl’s-Pass.

Rechts unterhalb des Hügels lagern ein paar Himbas mit ihren Ziegen. Sie nehmen kaum Notiz von uns. Unser Auto erklimmt den steilen Anstieg auf den Hügel. Von oben bietet sich ein grandioser Blick ins Marienflusstal. Goldgelbe Grasflächen bedecken den Talgrund und vermitteln den Eindruck riesiger Weizenfelder. Das Tal, anfangs schmal, weitet sich zusehends. An den breitesten Stellen misst es fast zwanzig Kilometer. Es erstreckt sich bis hinauf zum Kunene, knapp siebzig Kilometer sind es bis dahin. Gesäumt wird das Marienflusstal von den Hartmannbergen im Westen und den Otjihipabergen im Osten. Die rotbraunen Berge erreichen Höhen von fast 2000 Metern.

Wir nehmen den steilen Abstieg ins Marienflusstal in Angriff. Drei extreme Steilstufen liegen vor uns. An der ersten sitzen schon drei oder vier junge Himbas, sie wollen sich das Schauspiel nicht entgehen lassen. Wir steigen aus und sehen uns die Sache erst einmal aus der Nähe an. Hier wie auch an den anderen Steilstufen läuft es nun in ähnlicher Weise ab: wir beraten, welche Linie wir nehmen wollen, räumen Steine zur Seite, füllen Löcher mit Steinen auf. Über die lange Motorhaube hat man keinen Blick mehr auf den Boden, und es kommt wirklich darauf an, die vorher besprochene Fahrstrecke genau einzuhalten. Deshalb weist einer ein, der andere fährt das Auto. Im niedrigsten Gang, mit Differentialsperre und leicht angezogener Handbremse. Spätestens an dieser Stelle machen wir die Erfahrung, dass unser Nissan nicht das ideale Gefährt für derartige Unternehmungen ist. Bei jedem Bremsen taucht er mit dem Bug tief ein. Zwar verfügt er über ausreichend Bodenfreiheit, aber er ist  spürbar zu weich gefedert. Ein Landrover mit seiner brettharten Federung wäre hier sicher die bessere Wahl. Wenn ansonsten auch spartanisch, in schwerem Gelände ist er einfach unschlagbar.

Dem jeweiligen Fahrer steht der Schweiß auf der Stirn, nicht nur der Temperaturen wegen. Am kritischsten empfinde ich die Stellen, wo das Auto neben seiner Längsneigung auch noch eine starke Querneigung bekommt. Und der Hang linker Hand fällt steil ab. Gerät das Auto hier ins Kippen, gibt es kein Halten mehr.

Zentimeterweise bewältigen wir alle Steilstufen ohne Probleme. Unsere Zuschauer, die jungen Himbas, sind schon am Ziel. Mit erhobenem Daumen bedeuten sie uns, dass wir unsere Sache gut gemacht haben. Als wir den Talgrund erreichen, sind wir schweißgebadet, aber froh, alles gut überstanden zu haben.  Und vor allen Dingen: bisher ohne Reifenpanne oder sonstigen Schaden. Sicher auch dank unserer verhaltenen Fahrweise. Für die gut 80 Kilometer von Okongwati bis zum Fuß des Van-Zyl’s-Passes im Marienflusstal haben wir zweieinhalb Tage gebraucht.

Wir verewigen uns auf einer Steintafel und plazieren sie auf dem Haufen am Fuß des Van-Zyl’s-Passes. Vielen der Inschriften ist die Erleichterung, die sich nach der Passüberquerung einstellt, zu entnehmen. Unser Résumé: nicht nur der Pass selbst, sondern auch die Zufahrt stellen eine fahrerische Herausforderung dar. Die Landschaft kann man aufgrund der ständig erforderlichen Konzentration aufs Fahren kaum genießen. Bis auf die unmittelbare Umgebung des Passes ist sie auch wenig spektakulär. Wer auf den Nervenkitzel des Fahrens über den Pass verzichten will, dem sei empfohlen, vom Marienflusstal her an den Fuß des Passes zu fahren und diesen zu Fuß zu erklimmen. Für einen geübten Wanderer stellt dies kein Problem dar, man sollte nur genügend Wasser mitnehmen.

Es gibt Berichte, dass der Pass auch schon in West-Ost-Richtung befahren wurde, wovor immer wieder ausdrücklich gewarnt wird. Ich halte diese Warnungen für berechtigt. Und wenn man die Herausforderung schon braucht, dann sollte man sie keinesfalls mit nur einem Auto angehen. Die Wahrscheinlichkeit, selbiges in Einzelteile zu zerlegen, ist einfach zu groß.

Wir haben nun noch rund 70 Kilometer bis zum Ende des Marienflusstals am Kunene vor uns. In irgendeinem Reiseführer las ich, dass das Auto durch das weite Tal “auf glatter Pad lautlos dahingleite”. Davon kann nicht im mindesten die Rede sein. Es gibt sie zwar, die Stellen, wo das Auto lautlos dahingleitet, aber sicher drei Viertel der Strecke sind üble Waschbrettpiste. Allein die stellenweise fünf oder sechs parallelen Spuren zeugen davon. Wer das Gerüttel satt hatte, legte irgendwann eine neue Spur an, die aber bald selbst eine waschbrettartige Oberfläche erhielt. Abgesehen davon, dass es von großem Schaden für das empfindliche Ökosystem ist, läuft man Gefahr, einen im hohen Gras versteckten Stein nicht oder zu spät zu erkennen. Und dann hat man ein Problem.

Die ersten Feenkreise tauchen auf. Für diese vegetationslosen Kreise, fünf bis zehn Meter im Durchmesser, gibt es bis heute keine endgültig wissenschaftlich fundierte Erklärung. Die wahrscheinlichste: die Feenkreise sind das Resultat des Hungers der Erntetermiten Hodotermes mossambicus, die alles rund um ihren Bau kahlfressen. Es gibt Stellen im Marienflusstal, wo ein Kreis am andern zu sehen ist.

Die Farbe des sandigen Bodens im Marienflusstal wechselt alle paar Kilometer. Mal ist er gelb, dann wieder von rostroter Färbung in einer Intensität, wie ich sie andernorts nur in Australien erlebt habe. Vereinzelt treffen wir auf Strauße, die durch die weite Savanne surfen. Nach etwa zwei Dritteln der Strecke zum Kunene zweigt in westlicher Richtung eine Pad ab, die hinüber ins Hartmanntal führt. Die Fahrt durch die Hartmannberge soll ähnlich anspruchsvoll sein, wie die über den Van-Zyl’s-Pass.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Okarohombo-Campsite. Sie liegt direkt am Kunene. Die Berge auf der anderen Seite des Flusses gehören schon zu Angola. Träge fließt der Kunene dahin, sein Wasser ist trübe. Wir spazieren ein paar Meter am Ufer entlang, halten aber respektvollen Abstand. Schließlich soll es hier Krokodile geben. Und die können sehr schnell sein.

Der Campground ist ein fußballfeldgroßes sandiges Areal, gesäumt von großen, schattenspendenden Bäumen. In ein paar hundert Metern Entfernung, zwischen den Bäumen, entdecken wir ein weiteres Auto. Wir werden also ungestört sein. Die beste Neuigkeit für uns: es gibt sanitäre Anlagen mit Wasser. So können wir wieder einmal ausgiebig duschen, ohne dass unsere Trinkwasserreserven angegriffen werden. Den Wasserhähnen entströmt zwar eine ziemlich braune Brühe, aber zum Waschen und Geschirrspülen ist es allemal geeignet.

Irgendwann tauchen plötzlich wieder, wie aus dem Nichts, zwei Himbas auf. Diesmal sind es die Wächter des Campgrounds, sie treiben die fälligen Gebühren ein. An den Preis von etwa sechs Euro pro Person haben wir uns bereits gewöhnt.

Die letzten Strahlen der hinter den Hartmannbergen untergehenden Sonne zaubern ein warmes Licht auf die am jenseitigen Flussufer liegenden Berge. Heute kommt der Potjie wieder zum Einsatz, aus Resten kochen wir einen schmackhaften Gemüseeintopf. Am Feuer sitzen wir heute nicht mehr lange, die Anstrengungen des Tages sitzen uns noch in den Knochen.


Donnerstag, 21.August: Kunene Red DrumBuschcamp 3

Den schwierigsten Teil der Reise haben wir hinter uns gelassen, nun geht es wieder in Richtung Süden, zurück in die Zivilisation. Bis dorthin wird es aber noch ein paar Tage dauern. Unser dringlichstes Problem aber duldet keinen Aufschub: uns geht langsam das Trinkwasser aus.

Nachdem wir unser Lager abgebrochen haben, wollen wir versuchen, im Camp Syncro, das sich nur wenige Kilometer von uns entfernt befindet, trinkbares Wasser zu bekommen. Das Camp ist wunderschön, am Ufer des Kunene gelegen, kleine strohgedeckte Chalets ducken sich in den Schatten von Anabäumen. Obwohl wir unser Schlafgemach auf dem Autodach mittlerweile nicht missen wollen: hier könnten wir es ein paar Tage aushalten. Aber wir sind hier, um unsere Trinkwasservorräte aufzufüllen. Unter den Anabäumen treffen wir ein paar junge Frauen, die uns den Weg zum Laden weisen. Doch dort sieht es ziemlich trostlos aus. Trinkwasser: Fehlanzeige. Das einzig Trinkbare, das man uns anbieten kann, ist – man glaubt es kaum – Fanta. Besser, den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach: mit zwanzig Dosen Fanta kehren wir zu unserem Auto zurück.

Wir fahren dieselbe Strecke zurück, die wir am Vortag gekommen sind, bis wir auf den Abzweig zum Van-Zyl’s-Pass treffen. Heute nehmen wir allerdings die andere Richtung. Die Wasserpumpe von Orupembe ist unser nächstes Ziel. Bald lassen wir die sandige Piste durch das Marienflusstal hinter uns. Die zunehmend steinige Pad windet sich durch bizarre Felsformationen. Plötzlich, keine zehn Meter neben der Pad, ein paar kleine Bäume, zwei Himba-Hütten, zwei Frauen und ein paar kleine Kinder. All ihr Hab und Gut lagert unter und in den Bäumen. Die Kinder gehören offenbar zur jüngeren der beiden Frauen, die ältere scheint die Großmutter zu sein.

Die beiden Frauen sitzen im spärlichen Schatten eines kleinen Bäumchens und nehmen kaum Notiz von uns. Wir halten an und begrüßen die Himba-Frauen. Ein paar kleine Geschenke haben wir noch aufgespart, genau für solche Gelegenheiten. Bald sehen wir jedoch, dass hier etwas anderes gefragt ist. Eines der beiden Kinder, vermutlich noch keine zwei Jahre alt, hat Probleme mit den Augen. Sie tränen und sind ziemlich verkrustet. Keiner von uns ist Mediziner, aber Karl hat Augentropfen dabei, die wir dem Kind verabreichen. Die Tropfen sind harmlos, wenn sie nicht nützen, so schaden sie zumindest nicht. Und die Frauen sind dankbar. Vielleicht hilft es ja, Glaube soll angeblich Berge versetzen.

Wenig später erreichen wir die berühmte “Red Drum“, eine rote Tonne, die als Wegweiser (mit GPS-Koordinaten!) und Tauschbörse für Nachrichten dient. Ein Fixpunkt inmitten einer Einöde aus Sand, Stein und spärlichem Bewuchs. Wir wählen den linken Abzweig, der in Richtung Orupembe führt. Die Pad wird wieder anspruchsvoller, wir durchqueren die Onjuva Plains. Mittags halten wir in einem ausgetrockneten Flussbett, weil wir dort etwas Schatten finden. An  diesem Tag ist uns bisher noch kein Auto begegnet, doch jetzt ist plötzlich Motorengebrumm zu hören. Langsam quält sich ein Lastwagen zu uns herunter ins Flussbett. Er hat weder eine Front- noch Seitenscheiben, das Kennzeichen hängt auf halb acht. Auf der Ladefläche sitzen drei oder vier Schwarze, der Fahrer ist ein weißer Mittsechziger.

Wir sind sofort im Gespräch, man merkt dem Mann an, dass er froh ist, sich einmal mit anderen Menschen unterhalten zu können. Er versorge mit seinem Lastwagen die einsamen Regionen im Norden, die, wo wir gerade herkämen, erzählt er uns. Er macht auf uns den Eindruck eines rauhen, aber herzlichen Menschen. So wie das Land, das wir bereisen. Unsere erste Frage gilt natürlich dem Trinkwasser, das wir in Orupembe zu erhalten hoffen. Er beruhigt uns und fragt nach unseren weiteren Plänen. Wir falten die Karte auseinander, und augenblicklich ist er in seinem Element. Wollten wir allen seinen Empfehlungen für sehenswerte Orte in Namibia folgen, bräuchten wir noch mindestens drei Monate Zeit.

Wir könnten noch stundenlang seinen Schwärmereien für das Land folgen, aber wir müssen weiter. Kaum haben wir das Trockenflussbett auf der anderen Seite verlassen, treffen wir schon wieder auf Menschen. Es ist Festus, der Tourguide mit einer Gruppe von Italienern, die hinauf an den Kunene wollen. Nach einem kurzen Palaver setzen wir unsere Fahrt fort. Die Pad wird nun wieder so felsig, dass an manchen Stellen alle außer dem Fahrer zu Fuß gehen. Die Landschaft wandelt erneut ihr Aussehen. Wir fahren durch hügeliges Buschland, das im Vergleich zur Stein- und Geröllwüste vor der Red Drum fast anheimelnd wirkt. Vielleicht liegt es auch nur am Licht der schon tiefstehenden Sonne.

Das Marble Camp und die Marble Mine bei Onjuva lassen wir links liegen. Wir hoffen, es noch bis Orupembe zu schaffen, aber die Sonne ist schneller als wir. Im Dunkeln zu fahren und dann noch eine geeignete Stelle für die Nacht zu suchen, das wollen wir nach Möglichkeit vermeiden. Gut einhundert Meter neben der Pad finden wir einen schönen Platz für unser nächstes Camp. Eben haben wir noch Giraffen im offenen Buschland gesehen. Hinter dem Tafelberg gegenüber von unserem Camp wird die Sonne in Kürze verschwinden. Schnell sind die Zelte, der Tisch und die Stühle aufgestellt. Gerade noch rechtzeitig für den Sundowner.

Mangels Trinkwasser gibt es heute nur schmale Küche. Auch unser Brauchwasser geht seinem Ende entgegen, so ist Katzenwäsche angesagt. Morgen kommen bessere Zeiten. Hoffentlich.


Freitag, 22.August: Buschcamp 3Purros

Unsere Brotvorräte sind aufgebraucht, so üben wir uns im Backen von Maisfladen für das Frühstück. Maismehl, Wasser, Salz und ein wenig Alkohol als Treibmittel, das ganze auf dem Gaskocher erhitzt, fertig sind die schmackhaften Fladen. Am verfeinernden Aufstrich fehlt es allerdings, wir hoffen auf Purros.

Bis Orupembe sind es nur noch wenige Kilometer. Wir fahren in ein weit ausladendes Tal hinein. Schon von weitem ist die Wasserstelle zu erkennen, die Erleichterung steht uns allen ins Gesicht geschrieben. Die Pumpe liegt unweit der Polizeistation, die eingezäunt ist wie ein Hochsicherheitstrakt. Ein Wasserbecken aus Beton, vielleicht drei, vier Meter im Durchmesser, am Rand ein Wasserhahn. Der Ort dient als Wasserstelle für Mensch und Tier, einige Rinder stehen herum und trinken gelegentlich. Sie lassen sich von uns nicht stören, als wir unseren Wassertank und die übrigen Behälter mit frischem, kaltem Nass neu befüllen. Wir nutzen die Gelegenheit und spülen uns den Schweiß und Staub der letzten Tage aus dem Gesicht. Eines der drängenden Probleme auf unserer Liste können wir streichen.

Weiter südlich liegen weit verstreut ein paar Hütten, das muss der Ort Orupembe sein. Wir steuern ein rot getünchtes Steingebäude an. Es misst höchstens fünf mal fünf Meter. “Orupembe Shop 1″ prangt in großen schwarzen Lettern auf weißem Grund über der Eingangstür. Wir betreten Shop No. 1 erwartungsvoll. Drinnen ist es angenehm kühl, unsere Augen müssen sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Es sieht sehr aufgeräumt aus in Shop No. 1. Kein Brot, kein Mehl, kein Aufstrich. Waschmittel und Haarshampoo füllen die meisten Fächer der zwei oder drei Regale. Den Bedarf an lebensnotwendigen Nahrungsmitteln decken die Menschen hier offenbar aus eigener Produktion. Trotzdem sind wir nicht enttäuscht: in der Kühltruhe (!) nämlich werden wir fündig und dürfen wenig später unseren eigenen Kühlschrank im Auto mit frischem Windhoek Lager auffüllen.

Für unsere Weiterfahrt gibt es nun zwei Möglichkeiten: entweder durch den Khumib-Canyon oder in einem größeren Bogen über die D3707. Der Khumib-Canyon soll landschaftlich außerordentlich schön, aber schwieriger und vor allem zeitaufwendiger zu befahren sein. Und Zeit ist leider unser knappstes Gut. In neun Tagen geht unser Rückflug, und wir wollen noch einiges sehen. Wenn die Zeit uns im Nacken sitzt, haben wir Europa noch nicht wirklich hinter uns gelassen. Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Wie weise.

Wir wollen ein Stück des Khumib-Canyons versuchen und dann über den Weiterweg zu entscheiden. Die ersten Kilometer sind von feinem Tiefsand, durchsetzt mit Steinen, die immer wieder umfahren werden müssen, geprägt. Das Fahren ist relativ problemlos, aber wir kommen nur langsam voran. Zwei Giraffen beobachten uns interessiert. Nach wenigen Kilometern entschließen wir uns zur Umkehr. Purros würden wir bei diesem Tempo erst am nächsten Tag erreichen.

Die Fahrt über die D3707 gestaltet sich einfacher. Die Pad ist gut zu nehmen, wenn sie stellenweise auch eine üble Waschbrettpiste ist. Anfangs fahren wir durch goldgelbe Grasebenen, die wiederum riesigen Weizenfelder ähneln. Später weitet sich der Blick. Geröllfelder, von niedrigem, goldgelbem Gras durchsetzt, erstrecken sich bis zum Horizont, der von knapp 1800 Meter hohen Bergen gebildet wird. Irgendwie erinnert mich diese Landschaft an das Hochland Islands. Namibia und Island – zwei Länder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch gibt es Ähnlichkeiten.

Unterwegs sehen wir einige Herden von Impalas. Gegen Mittag erreichen wir die Stelle, an der die Pad aus dem Khumib-Canyon auf die D3707 trifft. Zeit für eine Mittagsrast. Im Flussbett finden wir eine Stelle, die spärlichen Schatten bietet. Die Luft flirrt vor Hitze. Von oben brennt die Sonne, von unten Sand und Steine. Ein kühles Windhoek Lager schafft Erfrischung.

An diesem Tag sind uns bisher ein, zwei Autos begegnet. Am späten Nachmittag erreichen wir Purros. Das Purros Community Camp, unser Tagesziel, liegt jenseits des Hoarusib-Betts, welches wir queren müssen. Ein wirres Geflecht von Fahrspuren durchzieht die Landschaft. Da ich gerade fahre, entscheide ich mich für eine nicht mehr ganz frische, vom Wind schon leicht verwehte Spur. Mitten im Flussbett bleiben wir stecken. Durch die Versuche, das Auto wieder in Fahrt zu bringen, haben wir uns inzwischen bis zum Bodenblech eingegraben. Vielleicht hätten wir vor der Flussdurchquerung den Reifendruck vermindern sollen.

Karl ist etwas sauer. Aber was soll’s, wir müssen zum Spaten greifen. Sandbleche haben wir leider nicht dabei. Doch mit Hilfe des Spatens und eines großen Holzscheits sind wir nach einer Viertelstunde wieder frei. Wir suchen einen anderen Übergang, und wenig später sind wir auf dem Purros Community Camp.

Wir beziehen unseren Stellplatz. Feiner Staub liegt in der Luft. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hüllen unseren Platz in ein fast gespenstisches Licht. Es ist eine Wohltat, sich die Spuren des Tages aus dem Gesicht zu waschen. Da es hier Wasser gibt, können wir dies, ohne dabei verschwenderisch zu sein, guten Gewissens tun. Obwohl die Fahrstecke des heutigen Tages relativ einfach zu bewältigen war, sind wir alle müde und liegen bald in unseren Schlafsäcken.


Samstag, 23.August: Purros Sesfontein

Tief in der Nacht laute Stimmen, ganz in der Nähe von unserem Stellplatz. Rufen, Schreien, Töpfeklappern. Ich bin verärgert ob der Rücksichtslosigkeit mancher Zeitgenossen. Der Lärm verstummt bald, und ich schlafe wieder ein. Am Morgen klärt sich der Vorfall auf: ein Wüstenelefant hat des Nachts das Camp besucht, offenbar angelockt von diversen verführerischen Gerüchen. Mit Rufen und Töpfeklappern hat man ihn vertrieben. Und noch ein Vorfall: in der Nähe des Eingangs zum Camp hat einer der Wächter mit dem Spaten eine Zebraschlange (Gestreifte Speikobra) erschlagen. Ich schaue mir das tote Tier an. Die Schlange ist gut eineinhalb Meter lang. Ohne Behandlung kann ihr Biss infolge Atemlähmung tödlich sein. Das führt wieder einmal vor Augen, dass man in Afrika stets wachsam sein sollte. Doch wer denkt schon daran, wenn er nachts im Halbschlaf zur Toilette geht?

Nach dem Frühstück sind wir mit einem Guide verabredet, er soll uns zu den Wüstenelefanten führen. Wir könnten uns auch selbst auf die Suche begeben, aber er weiß viel besser, wo er sie finden kann. Und wir sind noch keine zehn Minuten unterwegs, als wir auf die erste Gruppe von Elefanten treffen, zwei erwachsene Tiere und ein Halbwüchsiger. Sie haben uns schon bemerkt, machen aber einen gelassenen Eindruck. Wenig später treffen wir auf weitere Elefanten.

Die Elefanten der Wüstennamib sind ein Phänomen. Sie, die normalerweise in üppigen Savannen leben, haben sich in erstaunlicher Weise an ihre wüstenhafte Umgebung angepasst. Wüstenelefanten sind relativ kleinwüchsig und bilden Herden mit nur wenigen Mitgliedern. Üblicherweise benötigen die Dickhäuter enorme Mengen an frischen Pflanzen, um ihren Hunger zu stillen, was bei der kargen Vegetation ein Problem ist. Außerdem haben sie einen siebten Sinn für das Aufspüren von unterirdischem Wasser entwickelt, nach dem sie dann gezielt graben. Auf der Suche nach Nahrung und Wasser wandern sie täglich viele Kilometer. Die Trockenflusstäler sind dabei ihr bevorzugtes Terrain.

Ich frage unseren Guide, ob er Philip Stander kenne. Er bejaht. Ich erinnere mich eines Films über den Löwenexperten, der vor einiger Zeit im Fernsehen lief. Stander beobachtet und erforscht seit einigen Jahren die lange Zeit als ausgestorben gegoltenen und in jüngster Zeit wiederentdeckten Wüstenlöwen. Ähnlich wie bei den Elefanten ist auch für die Löwen die Wüste nicht ihr ureigenstes Habitat. Anders als beispielsweise in den weiten Savannen Ostafrikas leben die Wüstenlöwen in kleinen Rudeln. Ihre Jagdbeute sind in erster Linie Oryx-Antilopen. Diese wehrhaften Tiere in der kargen, fast deckungslosen Landschaft ohne die Jagdstrategie eines größeren Löwenrudels zu erlegen, ist ein schwieriges Unterfangen. So kommt es des Öfteren vor, dass die Löwen sich in die Nähe des Menschen wagen und sich an dessen Viehbeständen, vornehmlich Eseln, bedienen. Der Konflikt zwischen Mensch und Wildtier ist damit unvermeidlich. In der Umgebung von Purros sind derartige Vorfälle häufiger zu verzeichnen. Philip Stander versucht nun, in diesem Konflikt zu vermitteln. Er hofft einerseits, die Einheimischen davon überzeugen zu können, dass die Löwen gut für den Tourismus und damit auch für die Region sind. Andererseits versucht er, die Löwen zu der Ansicht zu bringen, dass menschliche Ansiedlungen kein gutes Jagdrevier sind. Hoffen wir, dass er Erfolg haben möge.

Nach dem Besuch der Wüstenelefanten führt uns unser Guide noch hinauf auf den Jan Joubert Koppie, den Hausberg von Purros. Von hier oben hat man einen fantastischen Blick auf Purros und weite Teile des Hoarusib-Tals. Vereinzelte Baumgruppen und Himba-Kraals wirken wie hingetupft in die weite, trockene Landschaft. Das ist es, was mich an Namibia immer wieder fasziniert: die Urwüchsigkeit dieser archaischen Landschaft, die von den “Segnungen” der Zivilisation noch verschont geblieben ist. Das mag vielleicht etwas zynisch klingen angesichts der Probleme, mit denen die hier lebenden Menschen zu kämpfen haben. Aber ich erinnere mich eines Satzes des Reiseschriftstellers Andreas Altmann, der auch auf Namibia zutreffen könnte:

… wird (vielleicht) irgendwann aufwachen und sich an Landschaften erinnern, die keinen Profit abwarfen, wenn nicht den einen, den unbezahlbaren: den Menschen zu heilen, der sich in ihnen bewegt, ihn zumindest – für eine Stunde, für einen Tag – erfahren zu lassen, dass die Schönheit der Welt ein Grundnahrungsmittel ist, ein Spurenelement, ohne dass keiner von uns über die Runden kommt.

Auf der Rückfahrt zum Camp sehen wir nochmals Elefanten. So viel Glück auf einmal ist kaum auszuhalten. Bevor wir uns auf den Weiterweg nach Sesfontein machen, wollen wir dem Laden von Purros noch einen Besuch abstatten. Das Angebot ist ähnlich übersichtlich wie das in Orupembe. Wir erstehen einen Fünf-Kilo-Sack Maismehl. Sicher ist sicher, man weiß ja nicht, wie gut sortiert der Laden in Sesfontein ist.

Den ursprünglichen Plan, durch das Bett des Hoarusib und Hoanib nach Sesfontein zu fahren, haben wir aus Zeitgründen schon lange aufgegeben. Unsere Fahrt geht nun über die D3707, eine mehr oder weniger bequeme Sandpiste, vorbei an braunschwarzen Bergen. Am Weg liegt Tokamas, ein winziges, aus wenigen ärmlichen Hütten bestehendes Nest. Irgendwann sehen wir rechts neben der Pad ein Autowrack. Es ist schon stark verrostet, muss also schon sehr lange hier liegen. Karl als gelernter Automechaniker versucht sich daran herauszufinden, um was für ein Modell es sich einmal gehandelt hat, aber seine Bemühungen sind erfolglos. Wir fragen uns, wie an dieser Stelle überhaupt ein Unfall hat passieren können. Die Pad ist kerzengerade und aus beiden Richtungen gut einzusehen. Aber Namibias Sandpisten sind tückisch. Man liest immer wieder von tödlichen Unfällen und ich selbst habe auch schon unangenehme, wenn auch glimpflich verlaufende Erfahrungen gemacht. Sandverwerfungen, Nässe, Wild auf der Pad, die Staubfahne eines entgegenkommenden oder überholenden Fahrzeugs, Einschlafen am Steuer – es gibt viele Möglichkeiten, auf scheinbar problemloser Strecke einen Unfall zu erleiden.

Aus der Ferne grüßen die “Drei Grimmigen“, eine Felsformation, die wie drei düstere Gestalten anmutet. Vor Sesfontein macht die Pad einen Schwenk nach Süden, um dann wieder nach Norden zurückzukehren. Im südlichsten Punkt der Schleife ist der Abzweig hinein ins Tal des Hoanib. Am späten Nachmittag erreichen wir Sesfontein. Als vor sieben Jahren Sesfontein der nördlichste Punkt unserer Reise war, kam uns der Ort vor, wie das Ende der Welt. Heute wähnen wir uns in einer größeren Stadt. Es kommt immer auf die Perspektive an.

Der Laden in Sesfontein hat ein breites Angebot, zumindest im Vergleich zu dem, was wir in den letzten Tagen gewohnt waren. Wir kaufen reichlich ein, heute Abend soll unser Tisch üppig gedeckt sein. Zur Übernachtung wollen wir das alte deutsche Fort anlaufen, das einen sehr schönen, unter Palmen gelegenen Campground hat.

So zumindest war der Plan, denn den Campground gibt es nicht mehr. Das Fort, vor sieben Jahren eine originelle und gemütliche Absteige, ist inwischen zur Nobelherberge für betuchte Touristen geworden. An der Rezeption schenkt man uns, die wir zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisch aussehen, keine Beachtung. Schnell sind wir abgefertigt. Unser solchen Umständen hätten wir uns sowieso nicht wohl in unserer Haut gefühlt. Also ein kurzes Stück zurück in Richtung Orupembe, kurz vor Sesfontein hatten wir ein Hinweisschild auf einen Campground gesehen.

Das Camel Camp Sesfontein liegt etwas abseits. Am Eingang ein Bretterverschlag, in dem der Wächter und Betreiber des Camps zumindest vorübergehend haust. Mit einfachen Mitteln, aber viel Liebe fürs Detail hat der junge Schwarze ein Stück Wildnis urbar gemacht. Ein Geschäftsmodell auf namibische Art. So lassen wir unser Geld viel lieber hier, in der Gewissheit, jemanden zu unterstützen, der es besser gebrauchen kann, als der hochnäsige Manager des alten Forts in Sesfontein.

Der ganze Campground gehört uns allein, wir sind die einzigen Gäste. Gegen neun Uhr abends, es ist schon lange dunkel, und wir wollen uns gerade zur Ruhe begeben, plötzlich lautes Krachen in dem nahe gelegenen Wäldchen. Es hört sich an, als würden Bäume umgebrochen, das kann nur ein Elefant sein. Obwohl der das Camp eingrenzende Drahtzaun für einen Elefanten kein ernstes Hindernis darstellen würde, wissen wir, dass die Tiere im allgemeinen Grenzen akzeptieren. Nur wissen wir nicht, ob auch der Elefant das weiß. Und so ziehen wir uns vorsichtshalber in unsere Dachzelte zurück. Auch die wären im Ernstfall nicht sicher, aber die dünne Zelthaut schafft irgendwie Geborgenheit.


Sonntag, 24.August: Sesfontein Khowarib

Am Morgen schauen wir nach, ob sich Spuren des Elefantenbesuchs vor Vorabend ausmachen lassen, aber vom Zaun aus ist nichts zu erkennen. Als wir abfahren, ist der junge Schwarze schon wieder in seiner Notbehausung. Wir bedanken uns für den schönen Platz und wünschen ihm viel Erfolg.

Wir haben beschlossen, selbst noch einmal nach Wüstenelefanten zu suchen und in den Hoanib-Canyon zu fahren. Gleich nach dem Abzweig von der D3707 wartet das Trockenflussbett des Hoanib mit anspruchsvollen Fahrstrecken auf. Feiner Sand und tiefe Fahrspuren erfordern den niedrigsten Geländegang und die volle Aufmerksamkeit des Fahrers. Staubwolken hüllen die Szenerie in ein gedämpftes Licht. Später wird die Pad wieder einfacher.

Auf der Karte unseres GPS sind im Hoanib-Canyon einige Stellen markiert, an denen es in jüngster Vergangenheit offenbar Angriffe von Elefanten auf Besucher gegeben hat. Wir sind deshalb besonders aufmerksam, wenn wir uns einer unübersichtlichen Stelle nähern. Als wir vor sieben Jahren vom alten Fort Sesfontein aus eine geführte Tour in den Canyon unternahmen, stand nach einiger Zeit des Suchens plötzlich und unvermittelt ein Elefant vor uns. Der Fahrer stoppte sofort und legte respektvoll den Rückwärtsgang ein. Auch diesmal sind wir darauf bedacht, jederzeit die Flucht antreten zu können. Wie alle Wildtiere haben Elefanten eine Fluchtdistanz, die man nicht unterschreiten sollte, es sei denn, man will einen Angriff provozieren.

Aber außer reichlich Elefantendung, der teilweise noch recht frisch erscheint, bekommen wir von den Dickhäutern nichts zu sehen. Eine Giraffe, ein Strauß und ein paar Antilopen sind alles, was sich uns an diesem Vormittag zeigt. Nach soviel “Jagdglück” an Vortag sind wir aber nicht unzufrieden. Allein die Fahrt in den Canyon war ein Erlebnis. Kurz nach einem Felsriegel mit einem schmalen Durchgang, “Die Poort” genannt, kehren wir um. Für die gut 30 Kilometer bis hierher haben wir 90 Minuten gebraucht.

Wir verlassen Sesfontein auf der C43, die sich später nach Südosten wendet. Kurz hinter Sesfontein erheben sich rechter Hand gewaltige Felswände, die zum Klettern geradezu einladen. Vielleicht bei unserem nächsten Besuch…

Die Pad wird immer komfortabler, fast wie eine Autobahn. Wir queren eine Senke, ein sog. Vlei, die von einer Art kleiner Betonbrücke überspannt wird. Finanziert von der Europäischen Union, erfahren wir. Eine sinnvolle Investition, finden wir, denn die Pad ist die einzige Verbindung zur Außenwelt, und in der Regenzeit ist die dann oft unterbrochen.

Plötzlich sehen wir am linken Straßenrand eine kleine Tafel, auf der frisch gebackenes Brot angepriesen wird. Wir legen eine Vollbremsung hin, denn Brot haben wir seit Tagen nicht mehr in unseren Beständen. Bei dem Gedanken an eine Scheibe frischen Brots mit Butter und Salz läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Vor dem kleinen Laden eine üppige Hererofrau und ein paar spielende Kinder. Wir treten in das Halbdunkel des Steinbaus. Drinnen ein richtiger Backofen, wir wähnen uns auf dem Gipfel des Glücks. Doch dann die Ernüchterung: die Brote seien gerade erst in den Ofen geschoben worden, zwei bis drei Stunden müssten wir uns schon gedulden.

Die Geduld hätten wir schon, nur eben die Zeit nicht. Enttäuscht begeben wir uns zurück auf die Pad. Irgendwann zweigt links die Zufahrt zum Khowarib-Canyon ab. Wir wollen zumindest ein Stück des Canyons befahren. Die Pad ist eine Querverbindung zur weiter östlich gelegenen C35, aber für die gesamte Strecke  benötigt man sicher einen ganzen Tag. Nach gut einem Kilometer liegt linker Hand das Khowarib Nature Camp, ganz in der Nähe des Hoanib-Wasserfalls. Wir beschließen, auf diesem Campground die nächste Nacht zu verbringen. Da wir noch zwei, drei Stunden Tageslicht haben, fahren wir zunächst weiter in den Canyon hinein.

Die Bezeichnung Wasserfall ist etwas irreführend, es handelt sich lediglich um eine vielleicht acht Meter hohe Steilstufe. Nach wenigen Kilometern queren wir den Hoanib, der hier sogar ein wenig Wasser führt. Die Pad wird anspruchsvoll, es ist wieder volle Konzentration gefordert. Plötzlich kommt uns ein riesiges geländegängiges Expeditionsmobil entgegen – mit einem deutschen Kennzeichen. Da die Pad so eng ist, dass wir ohne weiteres nicht aneinander vorfahren können, kommen wir mit den Leuten ins Gespräch. Es sind in der Tat Deutsche, eine vierköpfige Familie, die seit sieben Jahren in Namibia lebt. Sie seien mit ihrem Auto auf Urlaubsreise hier gewesen und hängengeblieben. Heute haben sie eine kleine Firma in Windhoek, die sich auf den Export von Fleisch spezialisiert hat.

Der Truck ist riesig, ein Unicat, ca. sechs mal zweieinhalb mal zwei Meter, hinten mit Doppelachse. Er bietet vier Leuten ausreichend Platz. Allein der Wassertank fasst eintausend Liter. Damit hält man es etwas länger aus, als wir mit unserem vergleichsweise winzigen Tank. Warum das Fahrzeug immer noch ein deutsches Kennzeichen trägt, ist uns unklar, so genau wollen wir aber nicht insistieren.

Der Plausch mit unseren Landsleuten fällt etwas länger aus, so beschließen wir, an dieser Stelle umzukehren. Nachdem wir unseren Platz auf dem Campground bezogen haben, wandern wir am Ufer des Hoanib entlang bis zum Wasserfall und genießen dort den Sonnenuntergang. Da wir noch immer kein Brot haben erwerben können, ist zum Abendessen wieder Fladenbacken angesagt. Gut, dass wir das Maismehl in Orupembe mitgenommen haben.


Montag, 25.August: Khowarib – Buschcamp 4

Wir sitzen gerade beim Frühstück, als die beiden jungen Männer, die den Campground betreiben, vorstellig werden. Sie erzählen uns von einer lokalen Fußballmannschaft, die gerade im Aufbau begriffen sei. Es fehle natürlich an allem, insbesondere die Fahrtkosten, wenn sie zu einem Spiel nach Swakopmund müssten, seien ein Problem. Und deswegen bäten sie um eine Spende zur Unterstützung der Kicker. Eine Liste mit Namen von Spendern und deren geleisteten Beiträgen soll Vertrauen schaffen. Was seine Wirkung auch nicht verfehlt. Wir spenden, wer kann sich einem solchen Anliegen schon verschließen. Jugendliche, die Fußball spielen, kommen nicht auf schlechte Gedanken. Ohne Scheu lassen sich die beiden jungen Schwarzen auch von mir ablichten.

Später, zurück in Deutschland, werden wir erfahren, dass wir abgezockt wurden. Die Masche läuft offenbar landesweit. Der gute Zweck ist immer ein kräftiges Zugpferd. So haben wir die Kicker um Khowarib gesponsert. Kicker, die es wahrscheinlich gar nicht gibt. Auch ein namibisches Geschäftsmodell. Was uns dann wieder milde stimmt: versuchen nicht auch in Europa unzählige Gauner, uns täglich aufs neue abzuzocken? Mit subtileren Methoden, weil es um größere Summen geht. Und eine nichtexistente Fußballmannschaft mit einem kleinen Beitrag zu unterstützen, um dafür eine nette Geschichte erzählt zu bekommen, ist allemal besser, als bestohlen oder überfallen und ausgeraubt zu werden.

Auf der D3707 geht es nun zügig Richtung Süden. Diese Strecke kennen wir schon aus dem Jahre 2001. Die Pad lässt sich problemlos befahren. Stellenweise fühlt man sich wie auf einer Achterbahn. Man fährt Senken hinunter, die manchmal so steil sind, dass man glaubt, mit dem Auto frontal im wieder ansteigenden Hang steckenzubleiben. Bei Gegenverkehr drosseln wir das Tempo deutlich, um die fehlende Sicht in der Staubwolke des anderen Autos nicht zur Gefahr werden zu lassen.

Das Kaokoveld haben wir hinter uns gelassen, wir bewegen uns nun bereits im Damaraland. Die Palwag Lodge steuern wir in der Hoffnung an, dort einen Geldautomaten vorzufinden. Doch leider Fehlanzeige. Die nächste Gelegenheit, Geld nachzufassen sei in Khorixas.

Die Palmwag Lodge ist ein luxuriöses Resort inmitten einer grandiosen Landschaft. Man findet hier alle Annehmlichkeiten vor, die man sich nur wünschen kann. Das hat natürlich seinen Preis, pro Nacht und Person muss man wenigstens umgerechnet 100 Euro investieren. Abgesehen von der finanziellen Seite wäre das Leben in einem solchen Luxusresort nicht unser Fall.

Die D2620 bringt uns in südlicher Richtung nach Wereldsend. Links uns rechts der Pad finden sich vereinzelt Stände, wo Damara- und Himba-Kunst verkauft wird. Dass es sich bei den Himbas nur um als solche verkleidete Damara-Mädchen handelt, erkennen wir jetzt, da wir gerade aus dem Kaokoveld kommen, sofort.

Bei Wereldsend zweigt die C39 in östlicher Richtung ab. Die beeindruckenden Felsmalereien von Twyfelfontein lassen wir rechts liegen, wir hatten sie vor sieben Jahren schon besucht. Unser nächstes Ziel ist der versteinerte Wald vor Khorixas. Wobei es den versteinerten Wald nicht gibt, zahlreiche Schilder weisen darauf hin, dass es hier zu Stein gewordene Baumstämme zu besichtigen gibt. Wir entscheiden uns für den offiziellen “Petrified Forest”.

Auf einer Fläche von etwa einem Viertelquadratkilometer liegen weit verstreut etwa 50 fossile, zu Stein erstarrte Baumstämme. Ihr Alter wird auf 250 bis 300 Millionen Jahre geschätzt. Die Stämme sind bis zu 30 Meter lang, teilweise kann man sogar noch Jahresringe erkennen. Unter Luftabschluss sind im Laufe der Jahrmillionen die organischen Bestandteile durch Kieselsäure ersetzt worden. Vermutlich sind die Bäume von Khorixas seinerzeit im heutigen Angola gewachsen und dann mit einer großen Flut hierher geschwemmt worden.

Zwischen den versteinerten Stämmen finden sich vereinzelt kleine Exemplare der Welwitschia mirabilis, einer für Namibia typischen Wüstenpflanze. Einige Tage später werden wir noch mehr und weitaus größere Welwitschias sehen, als hier im Petrified Forest.

Gespannt lauschen wir den Erzählungen unseres Guides, einer jungen Damara-Frau. Ab und zu mischt sich ein Klicklaut in ihren Sprachfluss. Klicklaute sind typisch für Khoisan-Sprachen. Auf unseren Wunsch hin artikuliert sie verschiedene davon. Wir hören den Unterschied wohl, aber sie nachzusprechen, sehen sich unsere europäischen Zungen außerstande. Dazu bedarf es wohl langer Übung. Mir fällt Miriam Makebas “Click Song” ein. Auch die Xhosa in Südafrika verwenden solche Klicklaute, und Miriam Makeba macht sich in dem Lied über das Unvermögen der Weißen lustig, sie zu artikulieren.

Unser Guide wacht mit Argusaugen darüber, dass wir nicht das kleinste Krümelchen aus dem eingezäunten Gelände entfernen. Natürlich wäre es verlockend, ein kleines Stück eines versteinerten Stamms als Souvenir mitzunehmen. Und würde nicht streng darüber gewacht, dass dies nicht geschieht, wäre das Areal sicher bald leergeräumt. Nur durch aufmerksame Kontrolle kann sichergestellt werden, dass auch zukünftige Besucher diese faszinierende Reise zurück in die Geschichte unserer Erde antreten können.

Kurz vor Khorixas geht die Sandpiste plötzlich in Asphaltstraße über. Leise rollt unser Nissan dahin, ein seit zwei Wochen nicht mehr gekanntes Gefühl. Wir erreichen den Ort noch rechtzeitig, bevor die Bank schließt. In Khorixas heißt es wieder einmal, die Augen offenzuhalten, die Kriminalitätsrate soll ähnlich hoch sein wie in Opuwo.

Die Bank ist schnell gefunden, danach geht es zum Supermarkt. Während die anderen drei einkaufen gehen, bleibe ich beim Auto. Sicher ist sicher. Es dauert nicht lange, da kommt ein abgerissener Alter von der nahegelegenen Tankstelle herübergeschlendert und fängt an zu schnorren. Ich habe mir vorgenommen, standhaft zu bleiben, wer weiß, ob er nicht nur der Lockvogel für andere ist. Ich weise ihn freundlich, aber bestimmt zurück. Er lässt nicht locker und schleicht immer wieder um mich herum. Irgendwann kommt ein Pickup gefahren und lädt den Alten und einige weitere Schwarze auf. Offenbar Tagelöhner auf einer der umliegenden Farmen. Totzdem ich ihn immer wieder abgewiesen habe, winkt er mir beim Wegfahren freundlich zu. Ich habe ihm unrecht getan.

Endlich kommen die drei Einkäufer zurück, langsam wird es unangenehm, ständig angebettelt zu werden. Wir nehmen die Einkaufstüten mit ins Innere des Autos, hier in aller Öffentlichkeit die Schublade mit unseren Lebensmitteln zu öffnen, wäre sicher unklug.

Wir verlassen Khorixas in östlicher Richtung und biegen wenige Kilometer hinter dem Ort auf die C35 nach Uis ein. Wir sind wieder auf einer Sandpiste. Ein kurzer Stopp dient dazu, unsere Einkäufe ordentlich zu verstauen. Langsam müssen wir uns auch um ein Nachtlager kümmern, in einer Stunde kommt die Dämmerung.

Unweit eines winzigen, hinter einer kleinen Staumauer gelegenen Sees, von der Pad durch dichte Dornbuschhecken abgeschirmt, finden wir einen geeigneten Platz für unser nächstes Buschcamp. Wir hatten zwar schon Besseres, aber Zeit zum Suchen bleibt nicht mehr. In der Nähe grasen einige Rinder. Auf dem Hügel, ein paar hundert Meter von der Pad entfernt, steht eine kleine Hütte. Vom See kommt ein halbwüchsiger Schwarzer herübergelaufen, er mag dreizehn oder vierzehn sein. Er lächelt freundlich.

Wir fragen ihn, ob das Land jemandem gehöre und wir für die kommende Nacht hier stehenbleiben könnten. Dank seines guten Englisch ist die Verständigung mit ihm problemlos. Das Land gehöre seiner Großmutter, erzählt er stolz, sie lebe mit ihm und seinen drei Geschwistern in der Hütte auf dem Hügel. Wo seine Eltern seien, wollen wir wissen. Der Vater sei bereits gestorben, die Mutter in “Swak” (Swakopmund) zum Arbeiten. Zwei- oder dreimal im Jahr käme sie nach Hause, um ihre Kinder zu sehen. Für häufigere Besuche reiche das Geld nicht.

Da ist also dieser Halbwüchsige, ohne Vater, die Mutter nur selten zu Hause. Wenn nicht gerade Ferien sind, wie jetzt, besucht er die Schule und muss sich dann noch um seine Geschwister kümmern und Arbeiten im Haus der Großmutter verrichten, für die normalerweise ein Mann zuständig wäre.

Uschi hat in ihren Beständen ein letztes T-Shirt gefunden, welches wir dem Jungen schenken. Er ist überglücklich. Schnell läuft er, das T-Shirt wie ein Segel in beiden Händen haltend, hinauf zum Haus der Großmutter. Wenig später kommt er mit seinen Geschwistern zurück. Wir schätzen sie auf zehn, sechs und vier. Sie betteln nicht, aber wir können sie natürlich nicht leer ausgehen lassen. Ein paar Apfelsinen und Süßigkeiten aus unseren heutigen Einkäufen müssen als Ersatz für weitere T-Shirts dienen. Die sind nun wirklich aus.

Wir bedanken uns nochmals für die Gastfreundschaft und richten unser Lager her. Nach dem Abendessen kommt ein unangenehm kalter Wind auf, der uns bald in unsere Schlafsäcke vertreibt. Noch lange muss ich darüber nachdenken, mit welchem Mut und welcher Entschlossenheit der Junge und seine Geschwister ihr sicher nicht einfaches Leben meistern.


Dienstag, 26.August: Buschcamp 4 – Spitzkoppe

Am Morgen kommt der Junge mit seinem Eselskarren zum Wasser gefahren. Von weitem winkt er. Wir hatten am Abend zuvor schon beobachtet, wie er zum Wasserholen kam. Wir waren noch mit uns selbst beschäftigt, jetzt aber ist soviel Zeit, dass ich zu ihm hinübergehe. Er grüßt freundlich. Dann stellt er mir seinen Esel vor, der ein hängendes, wahrscheinlich gebrochenes Ohr hat. Aber das Tier ist wichtig für die kleine Familie, so wie für uns ein Auto. Der Eselskarren ist aus den verschiedensten Resten zusammengeflickt, Räder und Achse taten vermutlich vor Jahren ihren Dienst in einem PKW.

Man stelle sich vor, man bitte einen deutschen Dreizehn- oder Vierzehnjährigen, morgens und abends mit dem Eselskarren hinunter zum Wasser zu fahren, fünf oder sechs Kanister zu füllen, sie auf den Karren zu wuchten und dann zurück zum Haus zu bringen. Jeden Tag. Jede Woche. Das ganze Jahr. Man stieße wahrscheinlich auf wenig Gegenliebe. Und nach spätestens einer Woche würde das Jugendamt vorstellig.

Ich schätze den Inhalt der Wasserkanister auf dreißig Liter. Ich bin einigermaßen kräftig gebaut, aber selbst für mich ist es keine leichte Aufgabe. Wie muss es dann erst diesem schmalen Dreizehnjährigen ergehen. Als ich ihm zur Hand gehe, steht er nur da und lächelt. Sicher ist er froh, einmal seiner schweren Aufgabe entbunden zu sein.

Von weitem sah das Wasserloch sauber und einladend aus, aus der Nähe betrachtet ist es eine ziemlich trübe Brühe. Ich vermute, dass das Wasser zum Waschen und Kochen, aber eben auch als Trinkwasser genutzt wird. Im TV erscheinen Berichte über Afrika und die mangelhaften hygienischen Zustände meist wie von einem anderen Stern. Hier vor Ort begreift man erst wirklich, welche Privilegien wir in Europa genießen, und wie überlebenswichtig solch elementare Grundrechte wie das Recht auf sauberes Wasser sind.

Meine Frau kommt hinzu, und als sie seine zerlöcherten Schuhe sieht, geht sie wortlos zurück zum Auto und holt ihre Turnschuhe. Wir sind nur noch wenige Tage unterwegs, sie meint, sie entbehren zu können. Die Schuhe sind dem Jungen zwar noch ein wenig zu groß, aber er wird hineinwachsen, und man sieht ihm an, wie dankbar er für das Geschenk ist.

Wir müssen weiter. Die Begegnung mit der Realität des Alltags der einfachen Leute in Namibia hat mich nachdenklich gemacht. Wir sind zuversichtlich, dass der Junge seinen Weg gehen wird und wünschen ihm viel Glück.

Über die C35 geht es weiter in Richtung Süden. Nach kurzer Zeit taucht am Horizont schemenhaft der Umriss des riesigen Brandbergmassivs auf. Bis zum Gipfel des Brandbergs sind es Luftlinie etwa 50 Kilometer. Die Luft ist, wie fast immer in all den Tagen, die wir nun schon unterwegs sind, von leichtem Dunst erfüllt. Eigentlich sollte sie jetzt zur Trockenzeit aufgrund der geringen Luftfeuchte klarer sein. Möglicherweise liegt es an dem feinen Staub, den der stets vorhandene Wind aufwirbelt.

Später kommen wir dem Brandberg bis auf 30 Kilometer nahe. Das Brandbergmassiv mit dem knapp 2600 m hohen Königsstein, dem höchsten Berg Namibias, verdankt seinen Namen der glutroten Farbe, mit der die im Westen stehende Sonne die Berghänge überzieht. An der Ostseite des Gebirges fallen jährlich gerade mal 30 bis 40 mm Niederschlag, die Westseite profitiert von den gelegentlich vom nahen Atlantik heranziehenden Nebelschwaden. Irgendwann werden wir dem Brandberg einen längeren Besuch abstatten, um dort ausgiebig zu wandern.

Wir nähern uns dem kleinen Ort Uis. Die weiße Abraumhalde der einstig florierenden Zinn- und Wolframmine ist schon von weitem sichtbar. Doch Uis hat seine besten Jahre hinter sich. Mit dem Verfall der Weltmarktpreise für Zinn und Wolfram ging der Niedergang von Uis, das für die Minenarbeiter errichtet wurde, einher. Heute verdingen sich viele der mit der Schließung der Mine arbeitslos gewordenen Menschen ihren Lebensunterhalt als Verkäufer von diversen Mineralien. Auf dem Platz vor dem Supermarkt sind wir sofort von einer Traube von Bauchladenträgern umringt. “I make you a good price, Sir”, damit beginnt jedes Gespräch. Abgesehen davon, dass wir die Echtheit und den Wert der feilgebotenen Mineralien, Topase, Rosenquarze, Turmaline, kaum beurteilen können: bei wem sollten wir kaufen, ohne andere zu benachteiligen. Jeder hat eine neue herzzerreißende Geschichte in der Hinterhand, mag sie stimmen oder nicht. Schließlich kommt es unter den Händlern auch noch zu einem wortgewaltigen Streit. Wir nutzen die Gelegenheit und suchen das Weite.

Von Uis aus führt uns die D1930 in südöstlicher Richtung unserem heutigen Ziel entgegen, der Spitzkoppe. Im Osten erhebt sich das über 2000 Meter hohe Erongo-Gebirge. Bald taucht in der dunstigen Luft die Schwarze Spitzkoppe auf, ein langgestreckter, schwarzbrauner Bergrücken. Wenig später die markante, doppelgipflige Silhouette der Großen Spitzkoppe, des Matterhorns Namibias. Dieser typische Inselberg überragt seine flache Umgebung um 700 Meter, weshalb er so eindrucksvoll wirkt. Entstanden ist der Berg vor etwa 100 Millionen Jahren, als vulkanische Ergüsse in umliegendes weicheres Gestein eindrangen (eine sog. Intrusion). Letzteres hielt der Erosion nicht stand und wurde abgetragen, übrig blieb ein beeindruckendes Naturmonument.

Als wir das erste Mal an der Spitzkoppe waren, stand am Eingang zu dem Gebiet eine winzige Holzhütte, heute findet man an dieser Stelle mehrere solide Steinhäuser mit Zahlstelle, Souvenirladen, Verwaltung. Ansonsten hat sich wenig verändert, die Campgrounds liegen immer noch weit verstreut und sind traumhaft schön. Wir entscheiden uns für Campground No. 5, direkt unterhalb des bekannten Felsbogens.

Seit langem haben wir wieder einmal ein wenig unverplante Zeit, und so sitzen wir faul im Schatten. Lesen, Fotografieren, Sachen ordnen, jeder geht der Beschäftigung nach, die ihm gerade Spaß macht. Als die Kraft der Sonne langsam nachlässt, machen wir uns auf den Weg zu Bushman’s Paradise im Nordosten des Spitzkoppe-Gebiets.

Von einem kleinen Parkplatz führt der Weg über rauhe, mäßig bis steil geneigte Granitplatten etwa 200 Höhenmeter nach oben. Eisenketten erleichtern den Aufstieg. Es erinnert mich an den Weg auf den Ayers Rock im roten Herz Australiens, mit dem Unterschied, dass wir hier allein sind und nicht im Pulk mit hunderten weiterer “Gipfelstürmer” (aus Respekt vor den religiösen Gefühlen der Aborigines und aus Abneigung gegen den zu erwartenden Massenauftrieb hatten wir seinerzeit auf den Aufstieg verzichtet und den Ayers Rock oder Uluru, wie die Aborigines ihn nennen,  lieber umrundet).

Oben öffnet sich ein weites, zwischen die umliegenden Berge eingebettetes Tal. Eine Vielfalt an Erosionsformen prägt die Landschaft. Die oft großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht erzeugen Spannungen im Gestein, dessen Oberfläche schalenförmig aufbricht (Desquamation). Auf diese Weise entstanden geschützte, von Fels überdachte Plätze, Riesenmurmeln und manch andere bizarre Felsgestalt. Eines dieser Gebilde hier oben sieht aus wie ein riesiges Krokodil. Der Ort atmet Ruhe, strahlt eine würdevolle Gelassenheit und Erhabenheit aus. Wen wundert es noch, dass die Buschleute diesen mystischen Platz für heilig erklärten. Viele ihrer jahrtausende alten Felszeichnungen fielen leider dem Vandalismus des modernen Menschen zum Opfer.

Wir legen uns einfach auf den warmen Granitfels und genießen die Stille. Die Sonne steht nur noch eine Handbreit über den Bergen und gießt ein warmes Licht über diese grandiose Landschaft. In Richtung unseres Aufstiegs kann man weit in die unendlich scheinende Ebene blicken. Langsam machen wir uns wieder an den Abstieg. Auf der Rückfahrt kommen wir an dem Campground vorbei, der vor sieben Jahren unser zeitweiliges Zuhause war.

Die Sonne ist schon kurz davor, in den Horizont einzutauchen, als wir am Felsenteichwächter, einer markanten Felsformation, vorbeikommen. Seltsame Figuren mit überlangen Gliedmaßen huschen über den in das rote Licht der untergehenden Sonne getauchten Fels. Erst bei genauem Hinsehen erkennen wir den Grund dieser geisterhaften Erscheinung: ein paar junge Leute nutzen das flache Sonnenlicht, um mit akrobatischen Verrenkungen bizarre Schattenspiele auf den Fels zu zaubern. Man glaubt, eine Giraffe, ein Kamel zu erkennen. Fasziniert halten wir inne, bis den Schattenspielern das Licht ausgeht.


Mittwoch, 27.August: Spitzkoppe – Swakopmund

Sonnenaufgang an der Spitzkoppe. Der Gipfel fängt die ersten Strahlen ein. Langsam fließt das wärmende Licht nach unten, erreicht schließlich den Boden. Ein unvergessliches Erlebnis. So schnell wie der Tag am Abend geht, so schnell kommt er am Morgen. Sofort ist es wieder angenehm warm.

Über die D1918 fahren wir in Richtung Westen. Noch lange sind im Rückspiegel die Große und die Kleine Spitzkoppe zu sehen, bevor sie langsam hinter dem Horizont verschwinden. Die Pad ist zwar meistens kerzengerade, erfordert aber trotzdem erhöhte Aufmerksamkeit. Verwerfungen aus Sand, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, können leicht zur Gefahr werden.

Und dann taucht er plötzlich am Horizont auf, der berühmte Küstennebel. Eine weißgraue Wand, die schon von weitem zu sehen ist. Von der Küste aus wabert der Nebel oft 30 oder 40 Kilometer ins Landesinnere. Meteorologisch gesehen handelt es sich um Advektionsnebel. Feuchtwarme Luft, die draußen vom Atlantik kommt, schiebt sich ostwärts über den kalten Benguela-Strom unmittelbar vor der Küste Namibias, und die in der Luft enthaltene Feuchtigkeit kondensiert. Diese Nebel stellen über Monate oder Jahre oft die einzige Wasserquelle für die Wüstennamib dar.

Bei Henties Bay treffen wir auf die C34, die von Swakopmund bis hinauf in den Skeleton Coast Park führt. Wir wollen eines der zahlreichen Wracks, die an der Skelettküste liegen, besuchen. Das Wrack der “Winston” liegt kurz vor dem Eingang zum Skelettküstenpark, für den man ein Permit benötigt. Deshalb wollen wir zu diesem Wrack fahren. In Henties Bay könnten wir unseren Tank auffüllen, aber unsere Kraftstoffanzeige sagt uns, dass wir noch genügend Diesel haben, so beschließen wir, erst auf der Rückfahrt zu tanken.

Die C34 ist glatt wie ein Brett und ebenso hart. Wir fahren auf einer Salzpad. Der Boden hier an der Küste ist sehr gips- und salzhaltig, so hat man die Pad einfach mit etwas Wasser besprüht und glattgefahren. Fertig ist der Straßenbelag. Bei entsprechender Vorsicht kann die Pad zügig befahren werden, und so kommen wir gut voran. Ab und zu begegnet uns ein Jeep mit überlangen Angelruten, ein typisches Bild für diesen Küstenabschnitt. Am Straßenrand stehen gelegentlich Holzgestelle, auf denen große Salzkristalle fein säuberlich aufgereiht sind. Daneben eine Büchse für den zu entrichtenden Kaufpreis.

Landschaftlich bietet die Fahrt entlang der Küste nichts aufregendes. Auf halber Strecke zu unserem Wrack, ein paar Kilometer abseits der C34, liegt Cape Cross mit der bekannten Robbenkolonie. Wir biegen ab und stellen unser Auto auf einem kleinen Parkplatz ab. Von dort sind es nur noch wenige Minuten bis zu den Robben, die man hört und vor allem riecht, bevor man sie sieht. Sieben Jahre zuvor war man von den Robben nur durch eine kniehohe Steinmauer getrennt, heute steht man auf einer Aussichtsplattform, die einen gehörigen Abstand zu den Robben wahrt.

Nördlich von Cape Cross scheint die Landschaft noch eintöniger zu werden. Auf den restlichen knapp 80 Kilometern begegnen uns nur noch wenige Autos. Das Wrack der Winston liegt ein paar Kilometer abseits der Straße. Die Warnung, nicht zu weit in die tückischen Salzpfannen hineinzufahren, nehmen wir ernst. Es soll schon Fälle gegeben haben, wo die Autos in scheinbar harmloses Gelände hineingefahren und eingebrochen sind, und sich aus eigener Kraft nicht mehr haben befreien können.

Wir stellen das Auto ab und gehen die letzten zwei Kilometer zu Fuß. Obwohl das Gelände völlig eben ist und man weit sehen kann, können wir das Wrack der Winston nicht ausmachen. Mit Hilfe unseres GPS finden wir es trotzdem problemlos. Nun wird uns auch klar, warum wir es nicht früher gesehen haben: es ist enttäuschend klein, wir haben nach etwas viel größerem gesucht. Die jahrzehntelange Einwirkung der salzhaltigen Luft hat von dem einstmals stolzen Schiff nicht viel übriggelassen, die gelegentlich sicher starke Brandung erledigte den Rest.

Leises Brummen in der Luft. Am Horizont taucht ein Kleinflugzeug auf, dreht zwei Runden über uns und setzt dann zur Landung an. Vier oder fünf Leute entsteigen dem Flieger und kommen zum Wrack. Der Pilot kümmert sich inzwischen um das leibliche Wohl seiner Gäste und richtet einen improvisierten Lunch her.

Wir treten den Rückweg an. Vor uns im Sand liegt ein sonnengebleichtes Skelett. Wir können nicht mehr ausmachen, welches Tier einst sein Besitzer war, von der Größe her könnte es eine Antilope gewesen sein.

Wir sind wieder auf der Pad in Richtung Süden unterwegs. Wir wollen heute bis Swakopmund kommen, knapp 200 Kilometer sind es bis dahin noch. Die Maschine unseres Autos schnurrt ruhig vor sich hin, mit 100 Stundenkilometern geht es zügig voran. Plötzlich fängt der Motor an zu stottern, fängt sich kurz wieder, verstummt dann ganz. Langsam rollt der Wagen aus. Stiilstand. Obwohl die Benzinanzeige anderes signalisiert, ist unser erster Gedanke, dass der Tank leer sein muss. Einer unserer drei Reservekanister ist noch voll, wir hoffen nur, dass die Kraftstoffleitungen keine Luft gezogen haben. Also Diesel nachfüllen, starten… Nichts. Erneuter Versuch: wieder nichts. Karl öffnet die Motorhaube, irgendwo müsse eine manuelle Kraftstoffpumpe sein, meint er. Schnell ist sie gefunden, zwanzig, dreißig Pumpenhübe, erneuter Startversuch. Nichts. Kurze Pause, wieder starten… Der Motor legt ein paar Fehlzündungen hin, dann läuft er wieder wie ein Uhrwerk. Wir rollen, haben Glück gehabt.

In Henties Bay füllen wir unseren Tank bis zum Rand, der Supermarkt unweit der Tankstelle bietet alles, was das Herz begehrt. Die letzten 70 Kilometer bis Swakopmund sollten nun kein Problem mehr sein. Irgendwann taucht an der Küstenlinie ein relativ neues Schiffswrack auf. Trotz Radar und Satellitennavigation scheint die Skelettküste nichts von ihrer Tücke verloren zu haben.

Wlotzkas Baken taucht auf, ein kleines, eher trostloses Nest von Wochenendhäuschen der zahlreichen Angler, die es hier gibt. Später die Zeltplätze “Mile 14” und “Mile 4”. Auf “Mile 4” hatten wir vor sieben Jahren übernachtet. Ein öder, vegetationsloser, windiger Ort, auf der einen Seite der kalte Atlantik, auf der anderen die leblose Wüste. Frühmorgens herrschte dichter Nebel, es war kalt, und man wähnte sich eher auf einem Zeltpaltz an der Nordsee, denn in Südwestafrika.

Als wir in Swakopmund ankommen, ist es schon dunkel, aber dank GPS finden wir unseren Campground, “Seagull’s Cry”, problemlos. Es war ein langer Tag, so viele Kilometer sind wir selten gefahren. Duschen, essen, aufräumen. Bald liegen wir in unseren Schlafsäcken. Im Hintergrund ist die Brandung des nahen Atlantiks zu hören, ein vollkommen ungewohntes Geräusch.


Donnerstag, 28.August: Swakopmund – Buschcamp 5

Heute ist Kulturtag. Nach fast drei Wochen Natur gönnen wir uns ein paar Stunden Stadtleben. Von unserem Campground aus ist es nicht weit bis ins Zentrum von Swakopmund. Jetzt am Morgen herrschen noch angenehme Temperaturen, vom Meer her weht ein frischer Wind. Genau aus diesem Grund, seines gemäßigten Klimas wegen, ist Swakopmund unter den in Namibia lebenden Mitteleuropäern so beliebt.

Zunächst einmal aber gilt es, die zahlreichen Andenkenmärkte mit den cleveren Verkäufern geschickt zu umschiffen. Das Argument, man habe bereits fünf Elefanten aus schwarzem Holz und zehn Giraffen aus Speckstein, lassen sie nicht gelten. In der Nähe des Bezirksgerichts plötzlich laute Rufe. “Aaaaand… action!”. Wir fühlen uns nach Hollywood versetzt. Und tatsächlich: fast wären wir in eine Filmszenerie hineingeplatzt, ein paar Ordnungskräfte halten uns noch rechtzeitig davon ab. Rund um das Bezirksgericht sind Kulissen aufgebaut. Auf Nachfrage teilt man uns mit, dass ein südafrikanisches Filmteam irgendeinen historischen Schinken dreht.

Swakopmund zählt mit seinen rund 25000 Einwohnern zu den größten Städten Namibias. Auf jeden Fall ist es die deutscheste Stadt des ehemaligen Südwestafrika. Das Alte Amtsgericht, das Bezirksgericht, das Hohenzollernhaus, das Reiterdenkmal – Relikte aus der deutschen Vergangenheit sind an allen Ecken und Enden der verträumt-beschaulichen Stadt zu finden. Bei unserem ersten Besuch in Swakopmund kamen wir zum Brauhaus und trauten unseren Augen kaum: um einen großen Tisch herum saßen etwa zwanzig gestandene Mannsbilder in Lederhosen und mit Gamsbarthut, die Rohrdorfer Blasmusikanten. Das war so ziemlich das letzte, was wir damals in Namibia erwartet hatten.

Nachdem wir ein paar Mitbringsel eingekauft haben – schließlich müssen wir beweisen, dass wir hier waren – flüchten wir in den Schatten der Palmen unterhalb des Leuchtturms. Bis auf das Gegacker der Hühner ist es angenehm ruhig hier. Auch wenn Swakopmund keine hektische Atmosphäre verbreitet, an Ansammlungen von mehr als zwanzig Menschen müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Die Serviererin des kleinen Restaurants spricht uns auf deutsch an, nichts ungewöhnliches in Namibia, schon gar nicht in Swakopmund. Wir genießen die belegten Brote und das kalte Bier.

Da wir noch ein wenig Zeit haben, statten wir dem Woermannhaus einen Besuch ab. Es wurde Ende des 19.Jahrhunderts für den Hamburger Spediteur und Reeder Adolph Woermann, der auch Namensgeber der berühmten Woermann-Linie war, gebaut. Zu dem Gebäudekomplex gehört der Damara-Turm, den wir erklimmen wollen, um einen Blick über Swakopmund aus der Vogelperspektive zu wagen. Gegen Entrichtung einer geringen Gebühr erhalten wir einen Schlüssel für den Turm, verbunden mit der Auflage, die Tür hinter uns wieder abzuschließen.

Im Turm fühlen wir uns um einhundert Jahre zurückversetzt. Dunkelbraune Holztüren, hinter denen verschiedene Organisationen deutschstämmiger Namibier ihren Sitz haben. Die blankgebohnerte Holztreppe ächzt unter dem Gewicht unserer Schritte. Die Hühnerleiter ohne Geländer, die hinauf auf die oberste Aussichtsplattform führt, würde jedem Sicherheitsinspektor in Deutschland den kalten Schweiß auf die Stirn treiben. Hier geht man gelassener damit um.

Oben angekommen, eröffnet sich uns ein fantastischer Blick über die Stadt. Die Uferpromenade, die Hafenmole, der Leuchttum, das rechtwinklig angelegte Straßenmuster. Unmittelbar hinter dem Flussbett des Swakop, der, wenn er Wasser führt, hier in den Atlantik mündet und der Stadt ihren Namen gab, beginnt die Wüste. Von hier oben kann man in die winzigen Hinterhöfe und in die Dünen der Namib schauen. Und erst von hier erkennt man, wie fragil dieses Gebilde Swakopmund eigentlich ist.

Gegen Mittag verlassen wir Swakopmund in Richtung Norden. Am Stadtrand gibt es seit 2004 ein kleines Museum, in dem der berühmte Dampftraktor “Martin Luther” zu sehen ist. Die verrosteten Reste des Originals und ein naturgetreuer Nachbau. Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatten die Deutschen die irrwitzige Idee, den für ihre Begriffe rückständigen Transport von Menschen und Waren per Ochsenkarren mittels eines Dampftraktors zu bewerkstelligen. Der sollte auf Rädern (!) durch die Wüste brausen. Wahrscheinlich hat der Konstrukteur die Verhältnisse in der Namib nie kennengelernt, sonst wäre ihm klar gewesen, dass es, zumindest mit den damaligen Möglichkeiten, nie hätte funktionieren können.

Hinter Swakopmund geht es über die B2 und C28 ostwärts. Bis zum Eingang des Namib-Naukluft-Nationalparks sind es knapp 40 Kilometer. Unser Ziel für heute ist der Welwitschia Trail. Entlang des Trails sind, so der Reiseführer, verschiedene Markierungen aufgestellt, die auf Besonderheiten am Rande des Weges hinweisen sollen. Man muss allerdings sehr achtsam sein, will man keine der Tafeln übersehen. Eine von ihnen verweist beispielsweise auf jahrzehntealte Spuren von Ochsenkarren. Deutlicher kann einem die Empfindlichkeit mancher Ökosysteme kaum vor Augen geführt werden (wir glauben einmal daran, dass die Spuren auch wirklich original sind und nicht jedes Jahr erneuert werden).

Einer der eindrucksvollsten Orte entlang des Trails ist jener, von dem aus man in das Mondtal blickt. Grauschwarze, nackte Berge inmitten von flachen Sanddünen, ein Werk der Erosion der vergangenen Jahrmillionen, der Swakop war dabei der Hauptakteur. Das Tal erinnert mich an Zabriskie Point im Death Valley, im Südwesten der USA. Nur wirkt das Mondtal durch die dunstige Luft und den von der Küste her schon langsam wieder aufziehenden Nebel noch trostloser, unheimlicher, gespenstischer.

Später passieren wir einen Durchbruch in einem Bergrücken, beiderseits der Pad stapeln sich große Doleritwürfel, die der Erosion standgehalten haben. Wir fahren vorbei an endlosen Sand- und Schotterebenen, die niedrigstehende Sonne verleiht den zahllosen dort wachsenden Welwitschias lange Schatten. Am Ende des Trails dann die Welwitschia an sich: eingezäunt, um sie vor den Zugriffen gieriger Zeitgenossen zu schützen, geschätzte 1500 Jahr alt. Zu Zeiten, als die Pflanze jung war, drangen die Bajuwaren von Böhmen her ins heutige Bayern ein, die Tschechen besetzten Böhmen und der Gänsekiel fand als Schreibfeder Verbreitung.

Die Welwitschia mirabilis, so ihr wissenschaftlicher Name, gibt es nur in einem schmalen Streifen etwas abseits der Küste Namibias. Sie ziert auch dessen Landeswappen. Eine schöne Pflanze im klassischen Sinne ist sie wahrlich nicht. Obwohl es auf den ersten Blick anders aussieht, hat eine Welwitschia nur zwei Blätter, ihre Pfahlwurzel reicht bis zu 15 Meter tief in den Sandboden, und sie überdauert problemlos jahrelange Trockenheit.

Wir kehren um, müssen uns langsam nach einem Nachtlager umsehen. Rechts ein Abzweig zur Farm “Wüstenquell”, dreißig, vierzig Kilometer weiter östlich gelegen. Auf dem Rückweg sammeln wir noch etwas Holz ein, welches verstreut am Wegesrand liegt, heute abend werden wir unseren letzten gemeinsamen Potjie kochen. Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Swakop River Valley Campsite. Ein einsamer, unheimlicher Ort unter Kameldornbäumen inmitten einer unwirtlichen Landschaft. Wie schon oft in den letzten drei Wochen sind wir allein. Spät fährt noch ein Auto vorbei, wahrscheinlich ist es unterwegs nach “Wüstenquell”.


Freitag, 29.August: Buschcamp 5 – Windhoek

Am Morgen ist unser Camp in dichten Nebel gehüllt, es ist empfindlich kalt. Erst nachdem die Sonne über den Bergen aufgegangen ist, löst er sich  zögerlich auf.

Heute sind wir den letzten Tag auf Achse. Am Abend wollen wir in Windhoek sein, morgen nachmittag geht unser Rückflug. Eigentlich wollten wir Koiimasis noch einen Besuch abstatten. Daraus wird nun nichts mehr. Selbst die Stippvisite auf Mirabib, einem meiner Lieblingsorte in Namibia, muss ausfallen. Es liegt einfach zu weit abseits, außerdem hätte es sich nur dann gelohnt, wenn wir dort übernachtet hätten. So wollen wir heute wenigstens zur Blutkuppe fahren, sie liegt praktisch auf dem Weg.

Die kürzeste Strecke zur Blutkuppe führt über die Nedlagt Uranmine, irgendwo haben wir gelesen, dass sie aufgelassen worden sei. Als wir uns dem Eingangstor nähern, sind dort etliche Männer in Arbeitskleidung und signalfarbenen Westen zu sehen. Wie aufgelassen sieht die Mine nicht aus. Das Sicherheitspersonal ist freundlich, lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Fahrt für uns hier endet. Wir müssen umkehren, zurück bis zur C28.

Im Osten tauchen am Horizont die Naukluft-Berge auf. Irgendwann linker Hand ein Hinweisschild, dass es hier zur Blutkuppe geht. Bald ist sie zu sehen. Davor eine weite Ebene, in der ein einsamer Köcherbaum steht. Mit der Blutkuppe im Hintergrund gibt er ein schönes Fotomotiv ab. Ich bin von der Schönheit dieses Überlebenskünstlers immer wieder fasziniert. In seinem Stamm kann er genug Wasser speichern, um mehrere Trockenperioden zu überstehen.

An der Blutkuppe ein kleiner Parkplatz und ein angenehm schattiger Platz. Eine Gruppe älterer Franzosen umrundet, ausgerüstet mit Nordic-Walking-Stöcken (!), im Eilschritt die Blutkuppe. Sie sind noch nicht in Namibia angekommen, müssen die Langsamkeit erst noch entdecken.

Die Blutkuppe ist ebenso wie Vogelfederberg, Spitzkoppe oder Mirabib, ein Inselberg aus Granit. Rot geädertes Gestein, das bei Sonnenuntergang blutfarben erglühen soll, gab der Blutkuppe ihren Namen. Wir machen uns an den Aufstieg auf den Berg, der seine Umgebung um etwa 100 Meter überragt. Der Weg ist einfach, man sollte allerdings achtsam sein, da die thermische Erosion auch hier das Gestein zwiebelschalenförmig aufgebrochen hat. Platten von mehreren Quadratmetern klingen beim Begehen seltsam hohl. Andernorts haben sich fantasievolle Tafoni-Strukturen herausgebildet.

Oben angekommen bietet sich uns ein grandioser Blick. Im Osten das Naukluft-Gebirge, im Westen die Küstennamib. Unter uns liegt, versteckt unter schattenspendenden Bäumen, der Campground. Lediglich das nahegelegene Minengelände, an dessen Durchquerung wir gescheitert waren, stört das idyllische Bild. Lange sitzen wir einfach nur da und schauen, lassen die Schönheit der Welt auf uns wirken.

Wir fahren nicht direkt zur C28 zurück, sondern über die Tinkas Flats, Klein Tinkas und Groot Tinkas. Hier dürfen wir ein letztes Mal Offroad fahren. Neben der Pad liegt ein Skelett, diesmal lässt sich unschwer erkennen, dass es einst einem Zebra gehörte. Wir sind nicht sonderlich in Eile, die letzten 200 Kilometer auf der C28 durch das Khomas-Hochland bis Windhoek sollten kein Problem sein.

Da ist er auch schon, unser Highway nach Windhoek. Wie erwartet lässt er sich zügig befahren. Vor uns liegt das Khomas-Hochland, schnell kommt es näher. Eben noch den Bosua-Pass nehmen, dann sind wir schon so gut wie in Windhoek. Die Auffahrt zum Pass sieht aber ziemlich steil aus. Sie ist es auch, der niedrigste Gang ist wieder gefragt. Oben am Pass ein großartiger Blick zurück in Richtung Küstennamib und nach vorn ins Khomas-Hochland.

Bei der Weiterfahrt wird uns langsam klar, dass wir uns gehörig verkalkuliert haben. Die Pad ist ein ständiges Auf und Ab, die zahllosen Kurven können wir aufgrund  der fehlenden Übersicht nur langsam nehmen. Jetzt wissen wir auch, warum hier so wenig Verkehr ist. Wer schnell sein will, fährt über die weiter nördlich gelegene B2.

Trotzdem ist die Fahrt wunderschön. Das Khomas-Hochland ist geprägt von sanften Hügeln, die sich überraschend grün präsentieren. Bei einer 360-Grad-Drehung um die eigene Achse sieht man in jeder Richtung nur Berge, bis zum Horizont. Ein Kontrast zur nicht fernen Namib, wie er größer nicht sein könnte.

Die Sonne verschwindet mit einem prächtigen Farbenspiel hinter den Bergen. Es dunkelt rasch, und bis Windhoek ist es noch weit. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit wird immer geringer, im Zwielicht müssen die zahlreichen Kurven mit erhöhter Vorsicht genommen werden. Endlich taucht am Horizont das nächtliche Windhoek mit seinem Lichtermeer auf. Bald geht die unbefestigte Pad in Asphaltstraße über. Dank GPS ist es kein Problem, zum Arebbush Campground zu finden. Unsere Reise durch Namibia ist zu Ende.

Den Abend beschließen wir stilvoll im Restaurant des Campgrounds. Das Angebot an Speisen und Getränken ist für einen Campground außergewöhnlich vielfältig, auch geschmacklich ist alles vorzüglich. Vielleicht sind wir einfach auch nur anspruchsloser geworden.


Samstag, 30.August: Windhoek – Rückflug

Frühmorgens packen wir unsere Sachen zusammen, säubern das Auto, so gut es geht. Nach dem Frühstück fahren wir nach Klein Windhoek, liefern unseren Wagen ab, der uns ohne Mucken bis hinauf an den Kunene und wieder zurück gebracht hat. Der geschäftstüchtige Mitarbeiter des Autoverleihs erwartet uns schon.

200 namibische Dollar hätten wir noch zu zahlen, für die Reinigung des Wagens. Wir geben zu bedenken, dass nichts dergleichen in unserem Vertrag stünde. Doch  wäre er nicht der Clevere, wenn ihm nicht sofort eine Lösung einfiele. Er könne die Säuberung für uns übernehmen, für die Hälfte des genannten Betrages. Da wir weder Zeit noch Lust für lange Diskussionen haben, willigen wir ein. Woraufhin die 100 Dollar in seiner Tasche verschwinden.

Wir verabschieden uns von unseren Freunden, Karl und Uschi bleiben noch eine Woche, wollen nach Koiimasis, zum Fish River Canyon, vielleicht in das Richtersveld. Wir müssen leider zurück.

Wir lassen uns ins Zentrum von Windhoek fahren, zwei Stunden haben wir noch, bis uns das Taxi zum Flughafen bringen wird. Bis dahin Craft Center, Christus-Kirche, Fast Shopping.

Und dann kommt der Moment, wo sich dieses Afrika noch einmal so richtig ins Zeug legt, mir zeigt, was es alles drauf hat. Meine Frau ist in einem Geschäft auf der Indepedence Avenue verschwunden, ich warte draußen und beobachte das Treiben auf der Straße. Auf dem Gehweg kommt, auf zwei Krücken gestützt, eine jämmerliche Gestalt angehumpelt. Völlig verkrüppelte Beine, das Gesicht eines Idioten, in der Hand eine Pappschachtel, mit der er Almosen einsammelt. Für solche Zwecke habe ich immer ein paar Münzen griffbereit in der Hosentasche. Der Bedauernswerte ist gerade an mir vorbeigehumpelt, als auf der Independence Avenue ein Eselskarren mit lachenden, lärmenden Menschen vorüberzieht. Sie feiern irgendetwas. Wie durch ein Wunder geheilt eilt der Krüppel auf flinken Beinen an den Straßenrand, winkt den Menschen auf dem Eselskarren mit seinen Krücken zu. Sein Gesicht zeigt plötzlich ganz normale, jugendliche Züge. Und als die lärmende Menge seinen Blicken entschwindet, wird er plötzlich wieder zu dem Krüppel, der er kurz zuvor war.

Ich bin so verdutzt, dass ich sogar vergesse, die stets griffbereite Kamera zu zücken. Im ersten Moment bin ich ärgerlich, dann verzeihe ich ihm. Der Bettler und der Schöne. Schauspielkunst auf höchstem Niveau. Das verdient Respekt. Und ein Almosen.

Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt steht unser Shuttle Bus zum Flughafen bereit. Wieder fahren wir durch eine rotbraune, spärlich bewachsene Landschaft, vorbei an den Auas-Bergen. Vor drei Wochen war uns die Landschaft noch fremd, heute ist sie uns vertraut. In wenigen Stunden werden wir in Johannesburg in das Flugzeug steigen, welches uns zurück nach Deutschland bringt.


Epilog

Internationaler Flughafen Frankfurt am Main. Hektische Betriebsamkeit. Wir sind wieder in Deutschland. Die letzte Etappe nach München legen wir mit dem ICE zurück. Lautlos rollt er durch die Landschaft. Vor dem Zugfenster ziehen Wiesen und Felder vorbei. Alles ist ungewohnt grün. Die Häuser in den kleinen Ortschaften hocken dicht beieinander, viel zu dicht. Sie sind weiß getüncht und blitzsauber, die Vorgärten ordentlich geharkt und mit dem Laubsauger bearbeitet. Nichts stört die strenge Symmetrie.

Die Gedanken schweifen zurück. Irgendetwas wird uns fehlen. Vielleicht der allgegenwärtige Staub. Vielleicht das Brummen des Motors, das Durchgeschütteltwerden auf übler Waschbrettpiste. Vielleicht der unbeschreibliche Sternenhimmel. Doch sicher dieses Afrika, das einen manchmal verzeifeln und doch immer wiederkehren lässt…


© QuiverTree 2008

Links

Download GPX-Tracks

QuiverTree
Author: QuiverTree

Schreibe einen Kommentar